Missbrauchte Wissenschaft


Bild: heise.de
Schockierende Realität: ein Hörsaal „Aldi Süd“, ein von Google finanziertes Institut für Internet und Gesellschaft an der Humboldt Universität Berlin, schokoladenfreundliche wissenschaftliche Untersuchungen von einem Mars-Professor für Ernährung. Die Liste von Beispielen, wie Konzerne Einfluss auf Hochschulen und Wissenschaft nehmen, wird beständig länger. Dient Forschung an den öffentlichen Hochschulen der Allgemeinheit oder nutzt sie zunehmend einseitigen Gewinninteressen? Zu dieser Frage sprach Jens Wernicke mit Christian Kreiß, der als Professor für Finanzierung soeben das Buch „Gekaufte Forschung“ zum Thema veröffentlicht hat.


Von Jens Wernicke|TELEPOLIS

Herr Kreiß, Ihr neues Buch dreht sich um „gekaufte Forschung“. Ist es wirklich schon so schlimm um die Wissenschaft im Lande bestellt?

Christian Kreiß: Vor sechs Monaten wurden in Deutschland vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 80 Medikamente aus dem Verkehr gezogen, weil die Gesellschaft, die die Medikamente an Patienten im Ausland prüfte, so unseriös arbeitete, dass wissenschaftliche Zweifel daran aufkamen, ob die Medikamente überhaupt wirksam und ihre Nebenwirkungen nicht viel zu ausgeprägt sind. Man stelle sich vor: Medikamente, die viele von uns bereits genommen haben! Sind wir denn Versuchskaninchen der Pharmaunternehmen?

Und das ist kein Einzelfall, sondern hat System. Insidern ist das seit Langem bekannt, es gibt sogar mehrere Bücher darüber. Interessanterweise fallen die falschen wissenschaftlichen Prüfergebnisse dabei praktisch immer zugunsten der geldgebenden Pharmaunternehmen aus, und nicht etwa zugunsten der Patienten.

In der Medikamentenforschung werden heute etwa 90 Prozent aller veröffentlichten Studien von der Pharmaindustrie finanziert. Das heißt wir wissen nicht wirklich, welche unserer Medikamente eigentlich wie wirksam sind und wie stark die Nebenwirkungen sind, denn welche Studien veröffentlicht – und vor allem eben auch: nicht veröffentlicht – werden, entscheiden zum großen Teil die Pharmaunternehmen selbst. In der Pharmaindustrie sind die Missstände zwar besonders gravierend, sie beschränken sich aber bei Weitem nicht nur auf diese Branche.

Wie meinen Sie das und woran konkret machen Sie das fest?

Christian Kreiß: Unternehmen versuchen über Mittelzuwendungen immer stärker Einfluss auf die Forschung an öffentlichen Hochschulen zu nehmen. Das machen sie über Geldzuwendungen, welche die an knappen öffentlichen Mitteln leidenden Hochschulen dankbar annehmen.

Aber Konzerne sind keine Wohltätigkeitsvereine, sie maximieren die Gewinne ihrer Aktionäre – im Übrigen sind mehr als 50 Prozent der Unternehmensvermögen in Händen von weniger als einem Prozent der Bevölkerung. Es gilt daher: Ein Investment muss lohnen, muss Rendite bringen. Auch ein Investment in Hochschulen. Und die Rendite hiervon, das sind dann günstige oder wohlwollende wissenschaftliche Ergebnisse, die für Marketingzwecke verwendet werden können. Die Höhe der Gelder, die auf diese Weise von der Wirtschaft an die öffentlichen Hochschulen fließen, ist in den letzten Jahren immens angestiegen.

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