Rausch statt Religion


us_flagge_bibel_kreuzLange galten die USA als strukturell konservatives Land. Doch die Gewichte haben sich zuletzt rasant verschoben, wie sich an der Einstellung zum Kapitalismus, zur Homo-Ehe oder zu Marihuana zeigt.


Von Clemes Wergin|DIE WELT

Vor Kurzem musste die britische Labour-Partei eine herbe Wahlniederlage einstecken, weil sie sich von Tony Blairs Drittem Weg verabschiedet und wieder in die klassische linke Ecke zurückgezogen hatte. Die Demokraten in Amerika versuchen nun ein ähnliches Experiment. Die Kandidaten liefern sich einen linken Überbietungswettstreit und wollen sich im Wahlkampf ganz auf die Mobilisierung der eigenen Basis konzentrieren. Eine Taktik, die größere Erfolgsaussichten hat als in Großbritannien. Denn tatsächlich ist Amerikas Gesellschaft in den vergangenen Jahren deutlich nach links gerückt. Das liegt auch an der Schwäche der republikanischen Botschaft. Die ruhte in den vergangenen Jahrzehnten auf zwei Säulen. Die eine bildeten die Evangelikalen und die sozial Konservativen. Das zweite Standbein war ein emphatisches Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft, zu Innovation und einem möglichst wenig regulierenden Staat. Beide Säulen tragen heute nicht mehr so sicher wie früher. Sowohl konservative Werte wie der Kapitalismus sind in der Krise.

Amerika durchlebt gerade einen rasanten Wertewandel. Am deutlichsten ist der an den Themen Homo-Ehe und Marihuana-Legalisierung ablesbar. 1996 war noch eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner, 68 Prozent, gegen die Homo-Ehe und nur 27 Prozent dafür. Inzwischen genießt die Homo-Ehe 57 Prozent Zustimmung, auch jüngere Republikaner sind inzwischen mehrheitlich dafür. Und eine Mehrheit tritt auch für die Legalisierung von Marihuana ein. Auch der Einfluss der Evangelikalen auf die Republikaner war seit Jahrzehnten nicht mehr so gering wie heute. Im ganzen Land nimmt die Zahl derjenigen stark ab, die sich einer Religion zugehörig fühlen. Nach einer aktuellen, repräsentativen Pew-Studie, für die 35.000 Amerikaner befragt worden sind, ist die Zahl der Christen in den letzten acht Jahren von 78,4 auf 70,6 Prozent gesunken. Den größten Zuwachs verzeichnen die, die keiner Glaubensrichtung angehören. Sie sind von 16,1 Prozent auf fast ein Viertel (22,8 Prozent) angewachsen. Angesichts des Schneckentempos, in dem sich demografische Entwicklungen sonst vollziehen, sind das geradezu atemberaubend schnelle Entwicklungen. Bei den Millennials beträgt der Anteil der Konfessionslosen sogar schon ein Drittel.

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