Weshalb der IS Mädchen rekrutiert


In Syrien, wie hier auf einem Hügel bei Kobane, und in anderen Ländern des Mittleren Ostens versuchen Kämpfer der Terrormiliz IS die Macht zu erlangen – auch Frauen sind beteiligt. (AFP / Aris Messinis)
Zurzeit rekrutieren die Islamisten in Deutschland vor allem junge Frauen – die andere Motive haben, sich dem IS anzuschließen, als die Männer. Das Gemeinschaftsgefühl spiele dabei eine wichtige Rolle, sagt die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke.


Claudia Dantschke im Gespräch mit Martin Steinhage|Deutschlandradio Kultur

Seit einigen Jahren kümmert sich die Beratungsstelle Hayat um Menschen, die sich dem Islamismus verschrieben haben, oder im Begriff sind dies zu tun. Das Berliner Büro von Hayat wird geleitet von Claudia Dantschke. Zurzeit berät sie über 160 Familien, bei denen sich ein Mitglied radikalisiert hat.

Deutschlandradio Kultur: Mein Gast in dieser Ausgabe von Tacheles heißt Claudia Dantschke. Sie ist Islamismus-Expertin und leitet in Berlin die Beratungsstelle Hayat beim Zentrum für demokratische Kultur. Dort kümmert man sich um Menschen, die sich dem radikalen Islamismus zugewandt haben bzw. im Begriff sind, dies zu tun. Und genau darüber wollen wir in den kommenden knapp 30 Minuten sprechen. – Hallo, Frau Dantschke, schön, dass Sie da sind.

Claudia Dantschke: Hallo.

Deutschlandradio Kultur: Frau Dantschke, was zeigen Ihre Erfahrungen bei der Beratungsstelle Hayat? Wer ist anfällig für islamistisches Gedankengut, für diese Form der Radikalisierung? Lässt sich da ein Muster beschreiben?

Claudia Dantschke: Das Interessante ist, dass es eigentlich – sage ich jetzt inzwischen immer – faktisch jede Familie treffen könnte. Es gibt keine Art von Herkunft, sozialer, religiöser oder ethnischer, die besonders quasi anfällig ist, sondern es sind eher Arten von Familienstrukturen, die anfällig sind.

Also, kaputte Familien, fehlende Vaterfigur, Familien, wo es kriselt, wo Jugendliche das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, wo autoritäre Erziehungsstile sehr stark sind – das sind so bestimmte Muster, die immer wiederkehren. Religiöse Familien nicht, das Thema Religion spielt keine Rolle. Es sind sehr, sehr oft eher weltliche Familien. Das heißt, sie sind vielleicht christlich geprägt oder muslimisch geprägt, aber sie sind jetzt nicht vertieft religiös. Da muss man aber auch dazu sagen, dass ein ganz bestimmtes Teilsegment der betroffenen Familien sich nicht an Außenstehende wendet mit dieser Frage. Das sind eben sehr, sehr traditionelle, konservative muslimische Familien. Die gehen dann lieber sozusagen innerhalb der Community auf Suche nach Partnern, die ihnen helfen können, oder vielleicht zur Moscheegemeinde, wo sie angebunden sind. Das heißt, aus diesem Segment haben wir sehr wenig Anrufe, nur vereinzelte, aber ansonsten ist wirklich alles vertreten.

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