Welche Folgen der Erste Weltkrieg für den Nahen Osten hatte


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Großbritannien und Frankreich eroberten im Ersten Weltkrieg den Nahen Osten, der bis dahin Teil des Osmanischen Reiches war. An kaum einem der Kriegsschauplätze sind die Folgen des Konflikts noch so zu spüren wie in dieser Region.


Interview|Badische Zeitung

Länder wie der Irak und Syrien drohen entlang ethnischer und religiöser Linien auseinanderzubrechen. Im Libanon ist der Frieden prekär. Ganz zu schweigen von Israel und den Palästinensergebieten. Einzig Jordanien ist weitgehend stabil. Über einige Ursachen dieser Probleme sprach Annemarie Rösch mit Tilman Lüdke. Der Historiker und Islamwissenschaftler ist Mitarbeiter am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg.

BZ: Welche Probleme haben die Siegermächte geschaffen, als der Erste Weltkrieg mit der Niederlage der Osmanen endete?

Lüdke: Als das Deutsche und das Osmanische Reich, die im Ersten Weltkrieg Seite an Seite gekämpft hatten, kapitulierten, besetzten Briten und Franzosen die osmanischen Territorien im Nahen Osten. Franzosen und Briten schacherten bei den Verhandlungen in Versailles darüber, wer welches Territorium bekommt. Der Sündenfall der Sieger war, dass sie die Grundlage für Nationalstaaten legten, ohne auf die Bevölkerungsgruppen Rücksicht zu nehmen. Sie zogen willkürlich Grenzen. Das lässt sich gut am heutigen Libanon zeigen. Der Libanon umfasste im Ursprung nur das Libanon-Gebirge. Viele Christen und Drusen lebten dort. Doch da der Staat aus Sicht der Sieger zu klein gewesen wäre, schlug man dem Libanon etwa auch die Bekaa-Ebene und die Küstenregion um Beirut zu. Dort leben vor allem Muslime. Schon damals machte die Bevölkerung deutlich, dass sie mit den Grenzziehungen nicht einverstanden war. Im Libanon kam es 1925 zu einem Aufstand, im Irak schon 1920.

BZ: Wie hatten die verschiedenen Ethnien, Religionen und Konfessionen im Osmanischen Reich zusammengelebt?

Lüdke: Nach jüngsten Erkenntnissen haben die Gruppen lange Zeit friedlich nebeneinander gelebt, auch auf dem Balkan. Zu diesem Ergebnis gelangt der australische Historiker Nicholas Doumanis. Die Christen mussten zwar eine Sondersteuer entrichten, ansonsten verwalteten sie sich weitgehend selbst und konnten ihre Religion frei ausüben. Sie hatten auch eine eigene Gerichtsbarkeit. Die Beziehungen zwischen den religiösen Gruppen müssen ebenfalls harmonisch gewesen sein. Bauern etwa, ob nun christlich oder muslimisch, hatten ja auch ähnliche wirtschaftliche Interessen. Das änderte sich erst mit dem Auftauchen des Nationalismus im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit kam es mehrfach zu Pogromen etwa gegen die Armenier 1895/1896, die man beschuldigte, illoyal zu sein.

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