Die Nichtwähler riechen den Wahlbetrug als Erste


Viele Wahlverweigerer mögen bildungsfern sein, deswegen lassen sie sich aber noch lange nicht für dumm verkaufen. Sie misstrauen den Wahlversprechen der Parteien – zu Recht, denn das Geld geht aus


Von Ulrich Clauß|DIE WELT

Es ist seit Jahren Begleitmusik der Wahlberichterstattung und Mantra von Wahlanalysen aller Parteien. Die sinkende Wahlbeteiligung höhlt die Demokratie aus, stellt die Legitimität unserer parlamentarischen Ordnung infrage und spaltet das Volk in eine Art Ständegesellschaft, so heißt es.

Verwiesen wird dabei stets darauf, dass bei Landtagswahlen oft nur noch weniger als 50 Prozent der Berechtigten ihre Stimme abgeben, bei Bundestagswahlen seit Anfang der 1970er-Jahre die Wahlbeteiligung – wenn auch auf höherem Niveau – um fast ein Viertel gesunken ist und sich an Europawahlen schon seit 15 Jahren kaum noch jeder Zweite beteiligt.

Je nach politischer Farbe wird die Klage flankiert mit dem Hinweis, dass es vor allem bildungsferne und wirtschaftlich schlechtergestellte Bevölkerungskreise sind, die sich zunehmend wahlabstinent verhalten. So ist der generelle Schluss schnell gezogen: Der deutschen Demokratie kommt der Souverän abhanden, Wohlhabende bestimmen den Kurs, denn sie nehmen überproportionalen Einfluss auf die Zusammensetzung der Parlamente – das ganze Staatsschiff hat also soziale Schlagseite, Mittelklasse und Noch-besser-Gestellte bestimmen zunehmend allein den Kurs.

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