Michel Foucault: Das Christentum als Religion der Beichte


Der französische Philosoph Michel Foucault hat sich sein Leben lang mit der Frage nach den Ursprüngen des abendländischen Subjekts beschäftigt. In seinen Vorlesungen über die „Regierung der Lebenden“ von 1980 ging er dabei auf die frühen christlichen Beichtzeremonien ein – mit Erkenntnissen auch für den heutigen Menschen.


Von Ruthard Stäblein|Deutschlandfunk

Michel Foucault, Bild: twitter

Wie kann man ein Studienjahr lang Vorlesungen halten über entlegene Texte von Kirchenvätern aus dem 3. und 4. Jahrhundert nach Christus? – Wo es um komplizierte Taufverfahren und Bußrituale geht, die heute keiner mehr versteht oder gar einhält! – Und das am renommiertesten Institut, das die französische Wissenschaft hervorgebracht hat. Am Collège de France. Und das vor einem Publikum, das aus aller Welt nach Paris pilgert, um diese Stimme zu hören. Man nimmt in Kauf, nur einen Platz auf den Stufen zu ergattern, gar in einen zweiten Saal verwiesen zu werden, wo die Stimme des Meisters übertragen wird. Also, man kann über die Kirchenväter reden und zwei Säle füllen, wenn man Michel Foucault heißt, und erklären kann, dass man sich dabei an einem Ursprungsort befindet: Wo und wie ist das entstanden, was wir heute Ich nennen: Foucault resümiert den Wendepunkt auf seinem Forschungsweg, der ihn 1980 zu seiner Vorlesungsreihe über „Die Regierung der Lebenden“ geführt hat:

“Ich würde nicht sagen, dass ich ein großer Denker unserer Epoche bin. Was mich seit 15 bis 20 Jahren beschäftigt hat, kommt jetzt an die Oberfläche. Ich war mit meiner Taucherglocke ganz unten im Ozean. Ja, ja, ganz unten. Ich komme mir vor wie jemand, der untergetaucht wäre, der sich in seiner Taucherglocke, zwischen Sand und Felsen befand, und jetzt also wird der Grund des Meeres hoch gespült, und ich befinde mich beinahe an der Oberfläche des Wassers.“

weiterlesen