„Am liebsten wäre uns, ihr würdet alle Alkohol trinken“


Die Gesellschaft spielt den Fundamentalisten in die Hand, sagt Islamwissenschafter Mouhanad Khorchide


Interview Maria Sterkl|derStandard.at

foto: standard/corn „Die Mehrheit schreibt vieles vor, sie führt Kopftuchdebatten und Minarettdiskussionen über die Köpfe der Muslime hinweg“: Islampädagoge Khorchide.

Standard: Das Verhältnis zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft ist kompliziert: Es gibt ein starkes „Wir und Ihr“, wenig Miteinander. Sehen Sie auch unter Muslimen eine Art Übersensibilität?

Khorchide: Das ist Ausdruck einer Identitätsunsicherheit auf beiden Seiten, vor allem bei Jungen. Ist man sich seiner Identität nicht so sicher, hat man Berührungsängste – das Gefühl, durch jede Berührung könnte ich meine eigene Identität verlieren. Das heißt: Man muss auch bei sich schauen, wo das Problem liegt. Man muss aber zugeben, dass wir ein Machtgefälle haben: Die Mehrheit schreibt vieles vor, sie führt Kopftuchdebatten und Minarettdiskussionen über die Köpfe der Muslime hinweg – und da entsteht das Bild, dass die Mehrheit den Muslimen Sachen wegnehmen will, die ihnen aber wichtig sind.

Standard: Wie lässt sich das lösen?

Khorchide: Es wäre wichtig, nicht nur an Muslime zu appellieren: Es ist eure Bringschuld, euch mit Österreich zu identifizieren. Es ist auch unsere Aufgabe zu vermitteln, dass wir euch anerkennen mit allem, was euch wichtig ist. Derzeit ist es so: Wir erkennen bestimmte Dinge an, die uns ähnlich sind, aber sobald ihr ein Kopftuch tragt oder eine Moschee wollt, ist es etwas anderes, und am liebsten wäre uns, ihr wärt alle blond und trinkt Alkohol. Im Grunde heißt das: Wir anerkennen nur uns selbst und wollen, dass ihr so werdet wie wir.

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