Die weiße Spinne


In seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ (1842) erzählt der Schweizer Schriftsteller Jeremias Gotthelf davon, wie die Einwohner eines Dorfs unter einem dämonischen, achtbeinigen Plagegeist leiden, den sie nur durch Gottesfurcht besiegen können. In modernen Leiterzählungen aus Hollywood muss eine Spinne immer noch weißhäutig sein, um Gutes tun zu dürfen.


Von Marcus Hammerschmitt|TELEPOLIS

Italienisches Graffiti. Bild: Nicholas Gemini/CC BY-SA 3.0

Superheldenfilme: so langweilig, vorhersagbar und stereotypisch wie Religionen – und gerade darum bei einem Publikum so erfolgreich, das in Stereotypen fühlt und denkt. Und wie bei allen anderen Arrangements, die als Religionsersatz herhalten, muss es auch jemanden geben, der dafür sorgt, dass alles immer grundsätzlich gleich bleibt und dass die von Zeit zu Zeit notwendigen kosmetischen Minimalanpassungen vorgenommen werden.

Einen Ersatzklerus also. Wie das bei Blockbusterverfilmungen konkret läuft, kann man an einer E-Mail-Korrespondenz sehen, die angeblich Teil der während des Sony-Hacks vom letzten Jahr erbeuteten Daten ist.

Auf keinen Fall schwarz

Darin schreiben die Hagiographen von Marvel den Heiligenfilmern von Sony vor, dass sowohl Peter Parker, als auch sein Spiderman-Alter-Ego bestimmte Sachen nicht sein dürfen. Beide dürfen nicht schwul sein (es sei denn, Marvel habe sich vorher entschlossen, Spiderman in seinen Comics homosexuelle Neigungen verspüren zu lassen). Peter Parker, also der unmaskierte Spiderman, muss außerdem in einer Mittelklasse-Familie in Queens aufgewachsen sein, nachdem er als Kind seine Eltern verloren hat, und er darf auf gar keinen Fall schwarz sein.

Die Anweisungen stellen bizarrerweise klar, dass er nicht einmal Schöpfer des schwarzen Alternativkostüms aus Spiderman 3 sein darf: „Das schwarze Kostüm ist ein Symbiont und wurde nicht von ihm erschaffen.“ [Übersetzung: M.H.] Wenn man an eine Umkehrung des berühmten Buchtitels von Frantz Fanon denkt, heißt das: „Weiße Haut, schwarze Masken“ – nicht einmal das findet bei Peter Parker statt.

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