Ein Kalifat des Krieges


Historische Aufnahme: Bagdadi bei seiner Predigt am 4. Juli 2014 ©DPA
Vor einem Jahr zeigte sich des Anführer des „Islamischen Staats“ erstmals in der Öffentlichkeit. Inzwischen herrscht er über ein Gebiet, das größer ist als Großbritannien. Und er gewinnt weiter an Stärke.


Von Rainer Hermann|Frankfurter Allgemeine

Vor genau einem Jahr, am 4. Juli 2014, hat der „Islamische Staat“ ein Gesicht bekommen: Damals zeigte sich sein Anführer Abu Bakr al Bagdadi zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. In der Großen Moschee von Mossul hielt er die erste Freitagspredigt des Fastenmonats Ramadan. Damit erfüllte er eine Voraussetzung, um als „Kalif“ Anerkennung zu finden. Wenige Tage zuvor, am 29. Juni, dem ersten Tag im Ramadan, hatte er den „Islamischen Staat“ (IS) als „Kalifat“ ausgerufen. Die islamische Theologie verbietet es jedoch, jemandem als Kalifen zu folgen, der nur im Verborgenen wirkt und nicht bekannt ist.

Anfangs bezeichneten viele den IS noch als „Terrormiliz“ und stellten ihn in die Reihe zahlreicher nichtstaatlicher Akteure, die im Sog des Staatszerfalls in Syrien und im Irak entstanden waren. Aber der IS, dessen Vorläufer in das Jahr 1999 zurückreichen, eroberte im Sommer 2014 innerhalb von wenigen Wochen den größten Teil seines heutigen Territoriums. Ein Jahr nach seiner Gründung herrscht er nun über ein Gebiet, das größer ist als Großbritannien. In seinem Kerngebiet expandierte er trotz zeitweiliger Rückschläge, zuletzt mit der Eroberung der Städte Ramadi im Irak und Palmyra in Syrien. Im Irak näherte er sich der Hauptstadt Bagdad, in Syrien steht er vor Damaskus. Bedrohlich ist auch die Expansion in der Peripherie. Dschihadisten in mehr als zehn Ländern haben sich dem IS als „Provinz“ unterstellt. Der Bogen reicht von Afghanistan über den Kaukasus nach Algerien, von Nigeria über den Jemen nach Pakistan.

weiterlesen