„Anderl von Rinn“: Ein toter Kult und seine Anhänger


Am Sonntag pilgern wieder Dutzende nach Tirol, um die antisemitische Ritualmordlegende zu zelebrieren


Von Katharina Mittelstaedt|derStandard.at

foto: wikimedia / hermann hammer Die Kirche Mariä Heimsuchung in Rinn dürfen Anderl-Anhänger für ihre Messe nicht mehr nutzen. Man trifft sich also vor der Türe.

Manche Mythen, so scheußlich sie sein mögen, halten sich zäh. Mitte des 15. Jahrhunderts soll ein dreijähriger Bub namens Andreas Oxner im Tiroler Rinn getötet worden sein. Die Geschichte wurde zuerst zur lokalen Mär, um 1620 inspirierten die Gerüchte den Haller Arzt Hippolyt Guarinoni zu Nachforschungen. Dank einiger Eingebungen in Träumen behauptete er schließlich: Das kleine Anderl muss am 12. Juli 1462 Opfer eines jüdischen Ritualmordes geworden sein.

Die Legende fand fortan große Verbreitung. Es gibt ein Theaterstück darüber, Lieder, ein inzwischen übermaltes Fresko, die Gebrüder Grimm nahmen die Sage auf, bis in die 1970er-Jahre wurde die Anderl-Erzählung in Tiroler Schulen als Tatsache verbreitet.

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