Der Islam als immerwährende Reform – wenn er das mal tun würde


Muslime beim Gebet zum Ende des Ramadan (Imago /Xinhua)
Für den deutschsprachigen Raum hat Mouhanad Khorchide erstmals eine zeitgenössische Theologie vorgestellt. Er zeigt, wie der Islam aus sich heraus, nicht von außen, zu einem Selbstverständnis kommen kann, das eine grundsätzliche Wende hin zu einer Theologie eines barmherzigen Gottes vollzieht.


Moderation: Rüdiger Achenbach|Deutschlandfunk

Rüdiger Achenbach diskutiert mit Mouhanad Khorchide (Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster), Serdar Güneş (Institut für Studien der Kultur und Religion des Islams an der Universität Frankfurt am Main), Abdul Ahmad Rashid (Islamwissenschaftler und Redakteur beim ZDF) und Abderrahmane Ammar (Soziologe und Islamwissenschaftler aus Marokko).

Rüdiger Achenbach: Ziel des Propheten Mohammed ist der Bruch mit den überlieferten Stammestraditionen und vor allem mit dem Polytheismus. Dabei knüpft der Koran durchaus an bekannte monotheistische Vorstellungen an. Herr Güneş.

Serdar Güneş: Der koranische Text ist ein Text, der im 7. Jahrhundert für die arabische Halbinsel offenbart wurde und die Adressaten waren zum größten Teil Polytheisten. Es ging darum die Einheit Gottes, seine Einzigartigkeit, also seinen Monotheismus zu konstituieren. Insofern ist der Islam ein radikaler Monotheismus. Aber er hat nicht reinen Tisch gemacht, sondern der Islam, oder der Koran speziell, beruft sich auf vorangegangene Traditionen: auf das Christentum und auf das Judentum auch. Das steht auch im Koran. Also er knüpft an eine schon da gewesene Tradition an. Nach seinem Selbstverständnis korrigiert er da einiges auch. Er will als Korrektiv gemessen werden. Der Islam ist eigentlich immerwährende Reform. Und dieser Impuls ist irgendwo mit der Zeit zum Erliegen gekommen, weil der Islam sich institutionalisiert hat, Strukturen herausgebildet hat.

Das ist ein universales Gesetz, wenn ich irgendwo Strukturen herausbilde, da verknöchert dann irgendwann alles. Das kennt man aus der Verwaltung, denke ich mal. Das ist beim Islam nicht anders. Insofern müsste man die universellen Intentionen des Koran-Textes oder die moralischen Vorstellungen in unsere heutige Zeit transportieren und sie aktualisieren. Da gibt es Bestrebungen, Reformansätze, viele muslimische Reformer, die in den letzten 200 Jahren aufgekommen sind. Aber das ist kein modernes Phänomen in dem Sinne. Auch der klassische Islam kennt Mechanismen, sich zu aktualisieren. Falsch ist es – und das ist meine Meinung – eine gewisse historische Periode überzeitlich zu erklären und das sozusagen in die heutige Zeit zu bringen. Das ist der Fehler, den viele Salafisten machen, aber auch viele Traditionelle. Da muss man zwischen Traditionalisten und Salafisten auch unterscheiden, weil diese Begriffe oft auch synonym verwendet werden. Aber man muss schauen, dass der Islam als Reformimpuls, den er schon immer hatte, wieder aktualisiert wird. Man könnte den Koran als Fingerzeig ansehen. Man müsste in die Richtung schauen, in die er zeigt, und nicht den Finger. Problem ist, dass die meisten Leute auf den Finger schauen anstatt in die Richtung, in die er zeigt.

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