Die SS-Morde von Poppenhausen – deutsche Schaulust


Gedenkstätte Buchenwald lenkt mit neuer Ausstellung den Blick auch auf NS-Verbrechen außerhalb des Konzentrationslagers

Von Thomas Bickelhaupt|evangelisch.de

Dem Buch mit dem roten Einband ist sein brisanter Inhalt nicht anzusehen: «Chronik der Pfarrei Autenhausen von 1914 an» steht auf dem Buchdeckel, an dem die Jahrzehnte sichtlich ihre Spuren hinterlassen haben. Im Frühjahr 2016 wird die Kirchenchronik als Leihgabe des Erzbistums Bamberg in die neue Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald kommen. Ein langer Eintrag vom Mai 1942 macht das Buch zu einem Dokument des Nazi-Terrors.

Dabei geht es nicht um das kleine fränkische Dorf Autenhausen bei Coburg, sondern um das Geschehen wenige Kilometer entfernt. Dort, auf Thüringer Seite, im Wald zwischen Poppenhausen und Einöd, wurden am 11. Mai 1942 im Auftrag der Gestapo 19 polnische KZ-Häftlinge und ein Zwangsarbeiter öffentlich gehenkt. Hunderte Menschen aus der Region kamen, um den nationalsozialistischen Willkürakt als grausames Massenspektakel zu erleben.

An den Schaugerüsten aufgehängt

«Ich fuhr hin, um zu versuchen, ob nicht irgendein priesterlicher Beistand möglich ist», schrieb der Pfarrer von Autenhausen in die Chronik. Ein Polizist habe ihm allerdings bereits unterwegs angekündigt, für eine Genehmigung bestünde wenig Aussicht. Der Weg zum Ort der Exekution sei «die reinste Wallfahrt» gewesen – mit geschätzten 500 bis 700 Schaulustigen, darunter auch Frauen und Mädchen. «Die ersten hängen schon!», hätten ihm einige «roh und gefühllos» zugerufen.

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