Aktueller Antisemitismus


Der Nazivergleich ist ein beliebtes Stilmittel im modernen Antisemitismus geworden, wie hier auf einer Demonstration in Madrid im Juli 2014. (© picture-alliance/AP)
Empirische Langzeitstudien zur Sprache der aktuellen Judenfeindschaft zeigen: in den vergangenen zehn Jahren ist die Tabuisierungsschwelle für Verbal-Antisemitismen gesunken. Insbesondere im Internet wird kontinuierlich judenfeindliches Gedankengut verbreitet – und zwar in alltäglichen, nicht extremistischen Diskursräumen.

Von Prof. Dr. Dr. h.c. Monika Schwarz-Friesel|Bundeszentrale für politische Bildung

Im Sommer 2014 waren anlässlich des Gaza-Konflikts auf anti-israelischen Demonstrationen in vielen deutschen Städten antisemitische Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein!“ (Berlin), oder „Stoppt den Judenterror!“ (Essen) zu hören. Im Internet gab es Tausende von Twitter- und Facebook-Kommentaren wie „jüdische Zionisten-Nazis!“. Die israelische Botschaft erhielt täglich[1] Hunderte von E-Mails, in denen der „jüdische Staat als übelster Unrat“ und Juden wie Israelis gleichermaßen als „Kindermörder“, „Verbrecher“ und „teuflische Unholde“ beschimpft wurden. Aufforderungen wie „Tötet alle Zionisten!“ und Gewaltfantasien wie beispielsweise „Irans Bombe auf den jüdischen Verbrecherstaat!“ wurden im World Wide Web, insbesondere in den Sozialen Medien, die mittlerweile der primäre Umschlagplatz von judeophobem Gedankengut im Internet sind, artikuliert und multipliziert.

Die Äußerungen machen die zugrundeliegenden mentalen Strukturen der Sprachbenutzer transparent und geben Einblick in deren geistige Vorstellungwelt und emotionale Einstellung. Es zeigt sich, dass trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust immer noch seit Jahrhunderten tradierte judeophobe Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert werden – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung. Diese Muster sind tief im kommunikativen Gedächtnis verankerte Bestandteile des abendländischem Gedanken- und Gefühlssystems, in dem Judenfeindschaft normal und habituell war. In diesem Weltdeutungs- und Glaubenssystem sind Juden als das ultimativ Andere (und prinzipiell Schlechte) konzeptualisiert. Heute lassen Wörter, Phrasen und Sätze, die in den letzten Jahren tausendfach artikuliert in E-Mails an den Zentralrat der Juden, die israelische Botschaft oder auf Internet-Seiten kommuniziert wurden, diese Basis-Konzeptualisierung sprachlich zum Vorschein kommen: Dort werden Juden zum Beispiel als „Weltenübel“, „das Schlimmste, was Gott der Menschheit angetan hat“, „übelster Unrat“ und „Abschaum der Erde“ beschimpft.

Empirische Langzeitstudien zur Sprache der aktuellen Judenfeindschaft[2] zeigen, dass in den vergangenen zehn Jahren die Tabuisierungsschwelle für Verbal-Antisemitismen gesunken ist. Sie zeigen auch, dass insbesondere im Internet kontinuierlich (auch in De-Eskalationsphasen[3], also Phasen, in denen keine aktuellen Krisen im Nahostkonflikt zu verzeichnen sind) judenfeindliches Gedankengut in alltäglichen, nicht extremistischen Diskursräumen verbreitet wird[4].

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