Friedenspreis für Adonis: Orientalismus der übelsten Sorte


© Michael Kretzer Der Lyriker Adonis 2011 bei der Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt in der Paulskirche
Der Dichter Adonis ist einer der bekanntesten Intellektuellen Syriens. Nun soll er in Osnabrück als Mann des Friedens ausgezeichnet werden: Was für ein dramatisches Missverständnis!

Von Sadik al Azm|Frankfurter Allgemeine

Als ich von einem syrischen Freund erfuhr, dass die Stadt Osnabrück dem prominenten syrischen Dichter und Intellektuellen Adonis den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2015 verliehen hat, war mein erster Gedanke: merkwürdig, in Syrien ist doch noch immer Krieg. Die Orgie von systematischer Zerstörung, von Terror und Vertreibung erfüllt inzwischen die ganze Welt mit Schrecken.

Ich habe mich dann gefragt, ob es ein kultureller, ein literarischer oder ein politischer Preis ist. Bei einem Preis, der den Namen Remarques trägt, wird es im Grunde immer um Krieg und Frieden gehen. Und da Krieg und Frieden Ausdruck politischer Verhältnisse sind, haben wir es also mit einem politischen Preis par excellence zu tun.

Wie vielen anderen syrischen Intellektuellen, ob in der Heimat oder im Exil, erschien mir die Verleihung dieses Preises an Adonis ausgerechnet in dieser Zeit als ein Affront gegenüber Syrien und dem Besten, was seine Kultur hervorgebracht hat, gegenüber der Aufstandsbewegung, der Tapferkeit und den Opfern der friedlichen Aktivisten, gegenüber den Massen von leidgeprüften Vertriebenen und Flüchtlingen.

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