Hegel wohnt hier nicht mehr


© culture-images/foticon/Sammlung Allegorie der Philosophie am Schillerdenkmal auf dem Berliner Gendarmenmarkt
Wer kontinentale Philosophie studieren will, sollte nach China oder Brasilien gehen. In Deutschland liegt das Erbe des deutschen Idealismus am Boden. Seine gedankliche Wucht versandet im Kleinteiligen.

Von Manfred Frank|Frankfurter Allgemeine

Ein Gespenst geht um an Deutschlands philosophischen Seminaren: das Gespenst eines Weltsiegs der analytischen Philosophie und eines Massenexodus der geschlagenen kontinentalen Philosophie. Wohin zieht sie? Vorwiegend in andere Erdteile: nach Ostasien, Australien, Brasilien oder, ausgerechnet, in die Vereinigten Staaten, von denen der entscheidende Schlag gegen die kontinentaleuropäische Philosophietradition geführt wurde.

Wer heute das Markenzeichen der deutschsprachigen Philosophie, den deutschen Idealismus (die unmittelbar an Kant anschließende spekulative deutsche Philosophie), studieren will, wird kaum von einer deutschsprachigen Universität durch ihr Lehrangebot, geschweige durch ihre Lehrpläne dazu ermutigt. Ja, ein Student wird ernsthaft überlegen, ob er sein Interesse nicht besser in Sydney, Notre Dame, Georgetown oder Chicago wird befriedigen können. Die Universitäten zumal der Vereinigten Staaten haben eine lange Tradition in der Aufnahme deutscher Philosophen, die sich im geistigpolitischen Klima ihrer Heimat unwohl fühlten oder geradezu verfolgt wurden.

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