Die Kirche und der Antisemitismus


Judensau am Dom St. Peter in Regensburg, Bild: wikimedia.org/PD
„Unerlöste Schatten“ heißt ein neues Buch des Kommunikationswissenschaftlers Maximilian Gottschlich über das Verhältnis von Christentum und Judentum. Ein Gespräch über halbherzige Schuldbekenntnisse und den neuen Antisemitismus.

Ein Interview von Josef Bruckmoser|Die Achse des Guten

Die Konzilserklärung „Nostra Aetate“ galt 1965 als positiver Wendepunkt im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum. Was hat sie bewirkt und was ist Ihre Kritik daran?

Gottschlich: Unzweifelhaft war das Dokument „Nostra Aetate“ ein revolutionärer Sprung. Es kam aber sehr spät, erst 20 Jahre nach der Shoah und dem Kriegsende, und es gab sowohl unter den Konzilsvätern als auch seitens der arabischen Welt heftige Widerstände. Daher wurde das brisante Thema einer Neubestimmung der Beziehung der Kirche zum Judentum in einer allgemeinen Erklärung über das Verhältnis des Christentums zu den anderen großen Weltreligionen versteckt. Das war eine Verlegenheitslösung, denn das Christentum ist mit dem Judentum unvergleichbar mehr und inniger verbunden als mit Hinduismus, Buddhismus oder Naturreligionen.

Das größte Defizit dieses Dokuments aber war, dass es mit einem nur sehr mageren Satz jeden Antisemitismus ablehnte. Das liest sich so, als hätte die Kirche mit dem Antisemitismus nie etwas zu tun gehabt. Die Kirche war aber selbst 2000 Jahre lang ein Hort des Antijudaismus und Antisemitismus. Mit der Expansion des Christentums zur Weltreligion breitete sich auch der christliche Antisemitismus aus. Darüber findet sich in „Nostra Aetate“ kein Wort der Reue, der Scham oder des ehrlichen Bedauerns.

Ist das neue Verhältnis des Christentums zum Judentum auch deshalb kaum bei den Gläubigen angekommen?

Diese Konzilserklärung hatte weder verpflichtenden Charakter für die Gläubigen noch emotionalen Tiefgang. Und es fehlte vor allem das „mea culpa“, das Einbekenntnis der eigenen Schuld an der Verfolgung der Juden durch die ganze Geschichte des Christentums hindurch. Daher hat es die Gläubigen emotional auch nicht erreicht.

weiterlesen