„Universalierung des Meinungshaften“


Joseph Vogl, 2012 in Frankfurt am Main. Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0

Joseph Vogl über das Verhältnis von Wissen, Philosophie und Wissenschaft

Von Reinhard Jellen|TELEPOLIS

Der Literatur- und Medienwissenschaftler Joseph Vogl (geb. 1957) ist als Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin tätig. Er hat verschiedene Werke von Gilles Deleuze und Jean-Francois Lyotard ins Deutsche übersetzt. 2010 erschien „Das Gespenst des Kapitals“. Sein letztes Buch „Der Souveränitätseffekt“ ist dieses Jahr veröffentlicht worden. Im Gespräch mit Reinhard Jellen erinnert er unter anderem an eine Weisheit der Präraffaeliten: „Je wissenschaftlicher die Welt wird, desto mehr Engel malen wir.“

Herr Vogl, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede existieren allgemein zwischen Philosophie und Wissenschaft?

Joseph Vogl: Philosophie und Wissenschaft sind zwei unterschiedliche intellektuelle Tätigkeiten: Die Wissenschaft beschäftigt sich in weitester Hinsicht mit den Problemen der Referenz und der Prädikation, der Wahrheit und Falsifizierbarkeit. Philosophie hat hingegen – falls man denn überhaupt von der Philosophie anstelle einzelner Philosophien sprechen kann – den Anspruch, die größtmögliche Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Denkens zu erreichen.

Dabei muss aber auch sofort gesagt werden, dass auch der Wissenschaftsbegriff bei den unterschiedlichen, teilweise ja konfligierenden Wissenschaften selbst nicht monolithisch ist: Es existieren gravierende Unterschiede zwischen verstehenden und erklärenden Wissenschaften, Wissenschaften mit einem hohen oder niedrigen Grad an Vorannahmen oder Wissenschaften, die sich dem Erklären von Gesetzmäßigkeiten widmen – und anderen Wissenschaften, wie zum Beispiel den historischen, die daran weniger interessiert sind.

Zwar gibt es in der neueren Philosophie – im Unterschied zu philosophischen Großprojekten nach 1800, die sich als Metawissenschaften verstanden – Tendenzen, sich den Wissenschaften anzunähern, zum Beispiel in der analytischen Philosophie, die ein großes Interesse daran hat, ein System von wahrheitsfähigen Propositionen zu testen und beispielsweise mit den Kognitionswissenschaften zu kooperieren. Ich würde aber trotzdem sagen: Wissenschaft und Philosophie sind zwei getrennte Kontinente.

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