Was heißt „katholisch sein“ heute? (Das römische Paradox)


jesus_schaukelEin “Recht,” mit Gedanken zu dieser Frage an die Öffentichkeit zu gehen, habe ich gewiss nicht – wenn so ein Schritt denn überhaupt einer besonderen Rechtfertigung bedarf oder als “ethische Frage” diskutiert werden muss, was ja in Deutschland mittlerweile zu einer auffälligen Obsession geworden ist (man könnte auch im Anschluss an das klassische Buch von Jürgen Habermas zum “Strukturwandel der Öffentlichkeit” argumentieren, dass das Recht von Nicht-Spezialisten, eine Meinung zu haben und zum Ausdruck zu bringen, als eine historische Errungenschaft der Öffentlichkeit anzusehen ist).

Von Hans Ulrich Gumbrecht|Frankfurter Allgemeine Blogs

Wie auch immer, ich bin – im dritten Viertel des vergangenen Jahrhunderts – mehr oder weniger “katholisch erzogen” worden und habe bis heute eine kulturelle Sympathie für diese “Konfession,” wie man früher sagte, obwohl ich seit dem kurzen Versuch in meinem dritten Uni-Jahr, ein katholischer Intellektueller zu werden, Kirchen nur aus kunsthistorischen Gründen oder zu Familienfeiern besucht habe. “Kirchlich engagiert” bin ich jedenfalls nicht, und deshalb schreibe ich “von außen” über den Katholizismus von heute, statt als Gläubiger voller Hoffnung oder Furcht “mitzureden.”

Anlass zum Nachdenken über die Frage, was es heute heißen kann, “katholisch zu sein,” war die anlässlich der gerade in Rom tagenden Bischofssynode – außerhalb wie innerhalb der Kirche beinahe gleich leidenschaftlich – vorgetragene Meinung, dass es gut für diese Institution sei (weil historisch längst überfällig), sich nun endlich auch offiziell auf die Konsequenzen der Scheidung und auf die Möglichkeit von homoerotischen Partnerbeziehungen als Realitäten unserer Gegenwart zu öffnen. Optimismus in dieser Hinsicht hat Papst Franzikus ja schon seit seinem Amtsantritt angeregt, indem er die Katholiken ermutigt hat, geschiedene und offen homosexuelle Christen Teil ihrer Gemeinschaften werden zu lassen — und es zugleich immer wieder mit öffentlichen Gesten der Demut von sich weist, über Geschiedene oder Homosexuelle den moralischen Stab zu brechen.

weiterlesen