„Juden in Deutschland sind nichts Exotisches“


Foto: Martin Moser/ZGBZGH Terry Swartzberg ist Jude, seine Kippa trägt er offen zur Schau. Die Reaktionen: Fast durchweg positiv
Aus Angst vor Anfeindungen verstecken viele Juden ihre Identität. Nicht so Terry Swartzberg: Der Wahlmünchner trägt täglich Kippa. Von den Reaktionen ist er manchmal selbst überrascht – positiv!

Von Ruth Wenger|DIE WELT

Die Kippa ist nur ein kleines Stückchen Stoff. Aber wer sie trägt, macht sich zur potenziellen Zielscheibe für antisemitische Angriffe. Der in München lebende US-Amerikaner Terry Swartzberg trägt sie dennoch. Seit knapp drei Jahren ist der extrovertierte Journalist täglich mit einer seiner vielen kreisrunden Mützen auf dem Hinterkopf unterwegs – egal ob in Zwickau, Berlin-Neukölln oder im Schwarzwald. „Ich wollte wissen, wie sicher Juden in Deutschland sind“, erklärt der 62-Jährige. Ein Selbstversuch mit überraschendem Fazit.

Welt am Sonntag: Herr Swartzberg, Sie tragen Glatze und seit 2012 auch täglich eine Kippa. Warum, noch dazu als liberaler Jude?

Terry Swartzberg: Hätte man mir vor ein paar Jahren gesagt, dass ich als reformierter Jude einmal in der Öffentlichkeit Kippa tragen würde, hätte ich das für den abstrusesten Witz aller Zeiten gehalten. Aber nach vielen Gesprächen mit anderen Juden dachte ich: Irgendjemand muss Flagge zeigen. Denn von meinen Glaubensgenossen hörte ich immer, dass Juden in dem Moment gefährdet sind, in dem sie ihr jüdische Identität zeigen. Aus dieser Angst heraus tragen sie keinen Davidstern, lesen keine jüdischen Zeitungen in der Öffentlichkeit, sprechen nicht Hebräisch. Somit sind die Juden in der Gesellschaft zwar unsichtbar, aber fühlen sich sicher versteckt in selbst auferlegten Ghettos. Ich wollte zeigen, dass man mit diesem Fetzen Stoff auf dem Kopf in Deutschland genauso sicher ist wie ohne.

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