„Viele halten die Demokratie für eine veraltete Technologie“


Kai Schlieter: Die Herrschaftsformel. Wie Künstliche Intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert. Westend Verlag. 320 Seiten. 19,99 Euro.

Kai Schlieter über Künstliche Intelligenz, Big Data und eine neue Herrschaftsformel

Von Markus Klöckner|TELEPOLIS

Die Beherrschung von Menschen mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) wird zu einer echten Gefahr. Das sagt Kai Schlieter in seinem so Buch Die Herrschaftsformel – Wie Künstliche intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert Im Interview mit Telepolis erklärt der Soziologe und taz-Redakteur unter anderem, welche Gefahren eine immer tiefer in unser Leben verflochtene KI mit sich bringt.

Schlieter konstatiert, dass die KI die Autonomie der Menschen immer weiter unterhöhlt und verweist darauf, dass sie ein enormes Potenzial für denjenigen bietet, der in der Lage ist, mit ihr die Zukunft der Menschen zu antizipieren. Dann, so Schlieter, kann er „vorab Einfluss nehmen und diese Zukunft in seinem Sinne verändern“.

In Ihrem Buch haben Sie sich eines Themas angenommen, von dem wohl viele schon mal etwas gehört haben, aber das wohl gar nicht so leicht zu verstehen ist. Künstliche Intelligenz oder kurz: KI. Können Sie uns erklären: Was genau bedeutet KI?

Kai Schlieter: Künstliche Intelligenz beschreibt den Versuch, Systemen – Robotern oder Software – eigenständiges Handeln beizubringen. Diese Systeme lernen, sich in einer für sie unbekannten Umgebung zurecht zu finden und Probleme zu lösen. Das gilt für reale Umgebungen, in denen sich beispielsweise selbstfahrende Autos bewegen. Das gilt aber auch für virtuelle Umgebungen – also Datenuniversen.

Das Ideal ist ein System, das jedes Problem, das sich in der spezifischen Umgebung stellt, lösen kann. Der universelle Problemlöser ist seit jeher ein Ziel der KI-Forschung.

IBM Watson ist ein so genanntes Expertensystem, das auf medizinischen Sachverstand trainiert wurde. Das System kann Tausende von medizinischen Studien auswerten, daraus bereits Schlussfolgerungen ziehen und Therapievorschläge entwickeln. Es beherrscht formal viel mehr Wissen als jeder Mediziner auf der Welt. Es „versteht“ in gewisser Weise sogar semantische Zusammenhänge. Und es wird mit mehr Rechenleistung und mehr Daten immer besser. Prinzipiell könnte dieses System mit den entsprechenden Daten sämtliche Wissensgebiete erschließen und tatsächlich ein universeller Problemlöser werden.

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