„Die Seele ist ein göttliches Element des Menschen“


Der Publizist und Philosoph Richard David Precht (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Platons Philosophie beeinflusste viele christliche Denker in der Spätantike bis in die Neuzeit. Eine besondere Rolle nimmt dabei der Kirchenvater Augustinus ein, der die platonische Seelenvorstellung mit der christlichen Lehre verbindet. Den Erfolg des Christentums schreibt der Philosoph Richard David Precht auch dieser „frühen Kannibalisierung der platonischen Philosophie“ zu.

Der Philosoph Richard David Precht im Gespräch mit Susanne Fritz|Deutschlandfunk

Susanne Fritz: Herr Precht, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass die christliche Religion in der Spätantike die gesamte Kultur des Westens wie ein Tsunami überflutet. Die antike Philosophie kann dem nicht standhalten, aber viele Denker in den Jahrhunderten um Christi Geburt plündern die Philosophie Platons. Es entstehen ungezählte so genannte neuplatonische Gedankengebäude. Inwiefern vermischen sich dabei christliche Vorstellungen mit der platonischen Philosophie?

Richard David Precht: Das Christentum wäre vermutlich nie erfolgreich gewesen, wenn es nicht zu einem frühen Zeitpunkt angefangen hätte quasi die platonische Philosophie zu kannibalisieren. Denn man darf ja nicht vergessen, Jesus war ein Orientale in einer orientalischen Welt. Und das Judentum war eine altorientalische Religion. Die Griechen hatten eine völlig andere Philosophie inzwischen, eine Philosophie der Vernunft, eine Philosophie des Logos, eine Philosophie des Abstrakten. Und jetzt haben wir einmal die Vorstellungswelt der Altorientalen, auf der anderen Seite die viel moderner anmutende griechische Philosophie. Und schon zum frühestmöglichen Zeitpunkt, Paulus, der die griechische Philosophie aus mehreren Quellen zusammenschmiedet, bedient sich unter anderem Anleihen des Griechentums. In der Geschichte wird es noch viel bedeutender werden, dass der Platonismus einsickert, weil die neueste Spielart des Platonismus, der Neuplatonismus, schon auch etwas sehr Religiöses hatte. Es ist die Vorstellung, die wir von Plotin kennen, von seinem Schüler Proklos zum Beispiel, dass es das Eine gibt. Das Eine ist alles. Alles, und zwar so Alles, dass ich noch nicht mal sagen kann, was das Eine ist. Ich kann noch nicht mal sagen, das Eine ist gütig oder das Eine ist barmherzig, gütig, barmherzig, vollkommen und so weiter. Alles so zusammen, dass jede menschliche Sprache daran abgleitet. Unsere Seele hat einen Anteil an diesem Einen, weil es eigentlich zu dieser Sphäre des Einen hinstrebt, weil sie da eigentlich hingehört. In uns Menschen ist etwas, was zu diesem totalen Einen strebt. Das war ein sehr verbreiteter in vielen Spielarten auftretender Gedanke. Der sickert sehr stark ins Christentum ein. Nun konnte man quasi dem Vater, dem Gottvater nahe sein – auf Griechisch als Sehnsucht der Seele nach dem Einen definiert. Damit wurde das Christentum auch für Intellektuelle überhaupt zumutbar.

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