Vom bleibenden Wert der Skepsis


Island. Bild: ©Alex Akesson.
Island. Bild: ©Alex Akesson.
Wie kein anderer Philosoph im 21. Jahrhundert war Odo Marquard Skeptiker. Er hat die antike Skepsis in die Moderne getragen und für ein Denken des „Stattdessen“ geworben.

Von Stefan Groß|The European

Odo Marquard war ein Ausnahmeathlet, ein Solitär, unter den Philosophen. Und er bekannte sich zur Offenheit des Denkens – ganz getreu der Maxime, dass die Wahrheit nur die halbe sei. Philosophischer Missionarseifer lag ihm fern und ebenso jedwede Form von „Weltbeglückungsplänen“. Und immer wieder formulierte er, dass die Skepsis der Entschluss zu einem vorläufigen Denken ist. „Wenn die Erfahrung anderes lehrt, soll sie es tun. Aber bis dahin […].“

Wir betreiben Philosophie am Ende der Philosophie

Selbst die Titel vieler seiner Bücher und Essays wie „Apologie des Zufälligen“, „Skepsis und Zustimmung“, „Abschied vom Prinzipiellen“, „Philosophie des Stattdessen“, „Zukunft braucht Herkunft“, „Individuum und Gewaltenteilung“, „Skepsis in der Moderne“ sind eindrucksvolle Bonmonts, einprägsame philosophische Belletristik, in denen sich der Stilist und Humorist verewigte, er war – wie er sich selbst nannte – ein „Transzendentalbelletrist“. Auch der spektakuläre Begriff der „Inkompetenzkompensationskompetenz“ wurde seit 1973 zum geflügelten Wort im marquardschen Jargon der Uneigentlichkeit. Nicht müde wurde er, die Philosophiegeschichte als einen sukzessiven Verlust von Kompetenz zu charakterisieren. Anstelle von apodiktischen Geltungs- und Wahrheitsansprüchen tritt der unausweichliche und auch unleidliche „Abschied vom Prinzipiellen“ und damit einher geht der antike Mythos der Universalisierbarkeit – er verliert seine Geltungshoheit. Einst war die Philosophie kompetent, heute, so der kritisch-skeptische Befund Marquards, der manch jungen Philosophiestudenten sowie die Etablierten des Fachs mit dieser provokanten These verstörte, sei sie nur noch kompetent für eines: „nämlich für das Eingeständnis der eigenen Inkompetenz.“ Auch soteriologisch sei sie gescheitert, weil sie von der christlichen Heilsperspektive überboten wurde und nur als „Magd der Theologie“ ihr Überleben sichern konnte.

weiterlesen