„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr erschossen“


Überlebende des Massakers, 1907. Foto: Gemeinfrei
Das organisierte Morden begann im Oktober vor 111 Jahren. Überrascht von der heftigen Gegenwehr der Aufständischen gab der deutsche Oberbefehlshaber in Deutsch-Südwestafrika, Lothar von Trotha, am 2. Oktober 1904 den Vernichtungsbefehl. In seinem „Aufruf an das Volk der Herero“ versprach er, auch Frauen und Kinder nicht zu schonen.

Von Daniel Mützel|VICE

Der Befehl blieb zunächst nicht unwidersprochen im deutschen Generalstab. Laut Aufzeichnungen aus dem Jahr 1906, herausgegeben vom „Großen Generalstab“, gab der Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, Generaloberst Theodor Leutwein, zu bedenken, die Eingeborenen seien notwendiges Arbeitsmaterial für die Deutschen. Auch Bernhard von Bülow, obgleich er als Reichskanzler den „Halbgöttern im Generalstab“ nichts reinzureden hatte, kabelte nach Windhoek, die vollständige Ausrottung der Herero sei kontraproduktiv, ihr Einsatz im Ackerbau und in der Viehzucht „unentbehrlich“. Lothar von Trotha widersprach: „Ich bin gänzlich anderer Ansicht. Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss.“

In den Folgemonaten wurde das Tor zur Hölle ein Stück weit aufgemacht. Nach dem Sieg der deutschen „Schutztruppe“ in der Entscheidungsschlacht am Waterberg flohen die Herero in die Omaheke-Wüste, um ins benachbarte Betschuanaland zu gelangen. Anstatt die Flüchtlinge durch die Wüste zu jagen und dabei eigene Verluste zu riskieren, ließ von Trotha das Gebiet abriegeln und die Wasserstellen besetzen. „Das Röcheln der Sterbenden und das Wutgeschrei des Wahnsinns … sie verhallten in der erhabenen Stille der Unendlichkeit!“, notierte ein Beobachter der kaiserlichen Truppe. Als im Dezember die Blockade aufgehoben wurde, waren die endlosen Weiten der Omaheke mit Zehntausenden Leichen übersät. Nur wenige schafften es lebend aus dem Sandfeld. Deutsche Patrouillen fanden Leichen in bis zu 16 Meter tiefen Löchern—die Verdurstenden hatten verzweifelt nach Wasser gegraben. Das Waterberg-Massaker ging als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher ein.

weiterlesen