Freiheit und Glaube: Gefährliche Tiefgläubige


Vielfalt: Francisco Zurbaran nannte sein um 1650 entstandenes Ölgemälde: „Der Heilige Franziskus in Ekstase“. Aber nimmt es sich nicht auch die Freiheit, einen Gläubigen als Zauderer à la Hamlet zu zeigen. Oder gar, nicht offensichtlich, aber insgeheim, als Zweifelnden? Der Gläubige Zurbaran ist ein alles an andere als eindimensionales Wesen Foto: dpa
Acht Anmerkungen über die Toleranz, über Misstrauen, teuflische Leichtgläubige und ebenso gefährliche Tiefgläubige im Rahmen der Freiheitsserie der Frankfurter Rundschau.

Von Christian Thomas|Frankfurter Rundschau

Den Tiefgläubigen wird man weiterhin kaum in Verlegenheit bringen. Und da wir schon mal dabei sind: Den streng Gläubigen wird man nicht beirren können, ist doch für ihn der freie Wille des Menschen nichts als eine Illusion. Aber gibt es dann so etwas wie Glaubensfreiheit? Wie sollte sie denkbar sein, wenn der Wille nicht in die Macht des Menschen gegeben ist? Vielmehr abhängig von der Gnade Gottes, der Huld des Herrn.

Dass der freie Wille eben keine Einbildung sei, eingegeben durch nichts als die Allmacht Gottes, hat einen so selbstständigen Kopf wie Erasmus von Rotterdam in Unruhe versetzt. „De libero arbitrio“ nannte der Humanist 1524 seine Schrift „Über den freien Willen“, worin der Gelehrte entschieden gegen den Reformator Luther argumentierte, der den freien Willen des Menschen zur Selbsttäuschung erklärt hatte.

Luthers Konzeption des freien Willens war krass „unfrei“ gedacht. Schon der Titel war Programm: „De servo arbitrio“ – „Über den geknechteten Willen“. Luther erklärte den freien Willen zu einem irreführenden Begriff, sei doch alles, was der Mensch tue, erst recht absichtsvoll unternehme, von Gott bewirkt, von seiner Gnade ebenso wie seiner Ungnade. Wo Erasmus den Willen als „Kraft des Wollens“ begriff, als Ergebnis eines „Verstandesurteils“ und damit als bewusste Entscheidung, beharrte der orthodoxe Determinist, Luther, auf der göttlichen Vorsehung.

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