Philosoph Omri Boehm:“Zionismus nicht vereinbar mit humanistischen Werten“


Haifa in Israel ist der Geburtsort von Omri Boehm. (picture-alliance / dpa / Andreas Keuchel)
Zwischen einem jüdischen und einem demokratischen Staat besteht ein Widerspruch – diese Ansicht vertritt der israelische Philosoph Omri Boehm. Denn um jüdisch zu sein, müsse man „jüdisches Blut“ haben – und ein Staat könne keine liberale Demokratie sein, wenn er sich zugleich erlaubt, ethnisch nicht neutral zu sein, sagte er im DLF.

Omri Boehm im Gespräch mit Natascha Freundel|Deutschlandfunk

Natascha Freundel: Am Mikrofon begrüßt Sie Natascha Freundel. Mir gegenüber im Studio sitzt der israelische Philosoph Omri Boehm, der als Professor in New York an der Universität für Sozialforschung, an der New School, unter anderem Kant, Descartes und Spinoza unterrichtet. Herzlich willkommen, Herr Boehm!

Omri Boehm: Hallo!

Freundel: Omri Boehm wurde 1979 in Haifa geboren und ist in der kleinen Ortschaft Gilon im Norden Israels aufgewachsen. Er ist ein israelischer Jude und deutscher Staatsangehöriger, mit einer – ich zitiere ihn – „bildungsdeutschen jüdischen Großmutter und einem traditionsverhafteten iranischen jüdischen Großvater“. Omri Boehm hat in Tel Aviv studiert und in Yale promoviert, über „Kants Kritik an Spinoza“. Er hat in Heidelberg und München gelebt und geforscht und er schreibt meinungsstarke Artikel, etwa in der israelischen Zeitung Haaretz oder hierzulande in der ZEIT, in denen er das politische Denken und Handeln Israels sehr heftig kritisiert. Und wir wollen mit Omri Boehm über sein Heimatland reden und über die deutsch-israelischen Beziehungen, die – auf diplomatischer Ebene – seit 50 Jahren bestehen. Zunächst aber möchte ich Sie fragen, Herr Boehm, welche familiären Beziehungen Sie zu Deutschland haben? Sie sprechen von Ihrer „bildungsdeutschen“ Großmutter – woher stammte sie?

Boehm: Meine Großmutter stammte aus Breslau. Sie hat Breslau ’39 verlassen, als sie 16 war oder so. Als ein Kind habe ich mit ihr natürlich kein Deutsch gesprochen. Und auch sehr wenig über Deutschland. Aber dann irgendwann als ich nach Berlin zum ersten Mal gekommen bin, das war 2001, habe ich irgendwann verstanden, ach, Berlin ist sehr interessant, wir müssen meine Großmutter doch auch wieder nach Berlin bringen. Dann hat mein Vater sie nach Berlin gebracht, und zusammen waren wir hier für eine Woche. Das war sehr interessant und so haben wir angefangen, mehr über Deutschland und so zu sprechen.

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