Genetik: Im Kern überraschend


Bild: merakname.com
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Anders als bisher vermutet, tragen Körperzellen des Menschen kein einheitliches Erbgut in sich, sondern bilden Mosaike. Das könnte viele Krankheiten erklären.

Von Ulrich Bahnsen|ZEIT ONLINE

Lange schon hütet die Genetik ein kleines, schmutziges Geheimnis. Nun lässt es sich nicht länger kaschieren. Zu groß ist es geworden. Ausgerechnet die jüngsten Erfolge der Disziplin drohen einen ihrer zentralen Stützpfeiler umzustürzen. Das Lehrbuchwissen, nach dem alle Körperzellen des Menschen ein identisches Genom beherbergen, erweist sich als fundamentaler Irrtum.

Die Idee, dass es – wenn überhaupt – keine nennenswerten genetischen Differenzen zwischen den Körperzellen gebe, war einst ein Credo der biomedizinischen Forschung. Bekannt war zwar, dass es beim Wachstum immer wieder einmal zu Fehlern während der Zellteilung kommt, dass also das Erbgut der Tochterzelle nie ganz identisch mit dem der Mutterzelle ist. Doch ernst genommen wurde das Problem nie.

Ohnehin gab es keine Technik, die Untersuchungen und Vergleiche einzelner Zellen erlaubt hätte. Um ein einziges Erbmolekül aufzuschlüsseln, brauchen Forscher viele Kopien davon. Früher extrahierten sie dazu einfach das genetische Material aus verschiedenen leicht zugänglichen Geweben, zum Beispiel aus dem Blut oder der Mundschleimhaut. Damit, so dachten die Experten, habe man auch die Erbinformation von allen anderen Körperzellen zur Hand – etwa von denen im Hirn oder in der Leber. Wie hätte es anders sein können? Immerhin entstehen sie alle aus der einen befruchteten Eizelle, deren Erbgut sich in allen Zellen des daraus entstandenen Körpers wiederfinden sollte. Der Unterschied sollte allenfalls darin bestehen, dass in den verschiedenen Geweben unterschiedliche Gene aktiv seien.

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