In der Diaspora und im eigenen Staat


Juden, die illegal nach Palästina einreisen wollten, werden von britischen Truppen ins Aufnahmelager Poppendorf in der Nähe von Lübeck begleitet (8.9.1947). (Bild: AP)
Exil, Vertreibung, Verfolgung, Zerstreuung kennzeichnen die leidvolle Geschichte des Judentums. Seit der Gründung Israels ist die Diaspora jedoch nicht mehr ohne Alternative.

Von Michael Brenner|Neue Zürcher Zeitung

Im Anfang war die Wanderung. Abraham verliess Ur und ging nach Kanaan. Joseph wurde nach Ägypten verkauft, sein Vater Jakob folgte ihm später nach. Moses machte sich auf, von Ägypten ins Land Israel zu ziehen. Josua erreichte dann auch tatsächlich das verheissene Land. Der Prophet Jeremias wurde von dort wiederum ins babylonische Exil verschleppt, Ezechiel ins ägyptische. Bereits der biblischen Überlieferung gemäss waren die Juden also viel unterwegs. Und meistens nicht freiwillig. Die Wanderungen setzten sich später fort. Unter den Römern wurden viele Juden aus dem Lande Israel vertrieben. Im 13. Jahrhundert wurden sie aus England, im 14. Jahrhundert aus Frankreich, im 15. Jahrhundert von der Iberischen Halbinsel vertrieben. Und das 20. Jahrhundert schliesslich war der traurige Tiefpunkt in Bezug auf die Entwurzelung jüdischer Gemeinden. Dies gilt nicht nur für das Europa der dreissiger und vierziger Jahre, sondern auch für die arabische Welt wenige Jahre später, in der einige der ältesten Diasporagemeinden, so im Irak und in Ägypten, praktisch zu bestehen aufhörten.

Ein fortwährender Streit

Wenn sich jemand mit Wanderungen auskennt, dann also gewiss die Juden. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts betitelte der österreichische Schriftsteller Joseph Roth sein Porträt der europäischen Juden nicht zufällig «Juden auf Wanderschaft». Die fortwährende Wanderschaft hat die Diaspora zur dominanten Lebensform der Juden gemacht. In China haben sich jüdische Gemeinden herausgebildet, genauso wie in Indien, in Äthiopien, in Australien oder in Südafrika. Noch immer leben Juden in über hundert Ländern verstreut, auch wenn mittlerweile über achtzig Prozent in Israel und den USA zu Hause sind und die gesamte jüdische Bevölkerung mit etwa 14 Millionen nur noch 0,2 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht.

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