Rüdiger Safranski: „Rendezvous mit der reinen Zeit“


ProteinuhrInnere Uhr, Eigenzeit, Zeitdiktat, Gleichzeitigkeit, Echtzeit und Auszeit: der Bestsellerautor spricht über ein Phänomen, dem niemand entgeht

Interview Ruth Renée Reif|derStandard.at

STANDARD: Ihre Betrachtung der Zeit setzt mit der Langeweile ein: Bei den Romantikern beginne die Karriere der Langeweile als großes Thema der Moderne. Ist die Langeweile das Thema der Moderne und nicht die Beschleunigung?

Safranski: In der Tat ist die Beschleunigung das Problem. Aber sie kommt daher, dass wir in die Eile flüchten, um dem Schrecken der inneren Leere zu entgehen. In der Langeweile, im Rendezvous mit der reinen Zeit, wenn wir das Gefühl haben, dass die Zeit nicht vergehen will, wird diese auf eine existenzielle Augenhöhe gebracht. Man könnte mit dem Philosophen Blaise Pascal antworten. An der Schwelle zur Neuzeit stellte er die These auf, dass wir aus Angst vor der Langeweile in die Zerstreuung fliehen. Die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, hat durch die mediale Verknüpfung abgenommen. Es steigt das Bedürfnis, unterhalten zu werden.

STANDARD: Nach Auffassung des Astrophysikers Paul Davies birgt gerade die eklatante Kluft zwischen physikalischer und subjektiver Zeit das größte ungelöste Rätsel …

Safranski: Die Zeit berührt uns existenziell. Sie ist der Stoff, aus dem wir gemacht sind. Ich wollte auch keine physikalisch fundierte Spekulation über die Zeit anstellen. Ich will herausfinden, in welchen Konstellationen wir als Zeit erfahrende Wesen die Zeit wahrnehmen. Damit beschäftige ich mich seit langem.

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