“Mein Kopf gehört mir” – Kommentar zur Diskussion um das Tragen des Kopftuchs im öffentlichen Dienst


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Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Einstellung von Lehrerinnen mit Kopftuch ist weiterhin Gegenstand öffentlicher Debatten. Einige Bundesländer haben sich mittlerweile entschieden, Lehrerinnen mit Kopftuch in den Schuldienst aufzunehmen. Dagegen entschied der Berliner Senat, das Neutralitätsgesetz beizubehalten, mit dem das Tragen des Kopftuchs für Lehrerinnen untersagt ist. Dr. Yasemin Shooman plädiert in ihrem Kommentar für die Öffnung der Schulen für kopftuchtragende Lehrerinnen und begründet dies unter anderem mit der stigmatisierenden Wirkung eines Kopftuchverbotes im öffentlichen Dienst.

Dr. Yasemin Shooman|ufuq.de

Vor vielen Jahren, während meines Studiums, kam eine Kommilitonin auf mich zu und grüßte mich. Ich erkannte sie zunächst nicht. Sie fiel auf, denn sie war die einzige Frau mit Kopftuch im Vorlesungssaal. Es handelte sich um Nilgün, eine Mitschülerin, die ich seit dem Abitur nicht mehr gesehen hatte. Ich erinnerte mich an ihr lockiges Haar, das sie zu Schulzeiten stets offen trug. Nach kurzem Plaudern fragte ich sie, ob sie geheiratet habe. Sie sagte, sie sei leider noch immer Single. Ich merkte plötzlich meine Erleichterung darüber, dass sie mein Vorurteil nicht registriert zu haben schien. Denn ich war selbstverständlich davon ausgegangen, dass ihre Verschleierung mit einem Mann zu tun haben muss.

Dabei hatte sie sich, wie im weiteren Gesprächsverlauf deutlich wurde, bewusst und aus freien Stücken dafür entschieden. Dann erzählte Nilgün von ihren Erlebnissen im Lehramtsstudium. Zum Beispiel von der Lehrerin, die während ihres Praktikums vor der Klasse an ihrem Kopftuch zog und meinte, sie solle »den Lappen« doch lieber ausziehen. Oder dem Professor, der ihr sagte, mit dem Kopftuch könne sie hier »bei uns« nichts werden.

Das Kopftuch als Projektionsfläche für antimuslimische Gefühle Geschichten wie diese muten extrem an, sie gehören aber zu den Alltagserfahrungen kopftuchtragender Frauen in Deutschland. Dies belegen zahlreiche Untersuchungen, wie zuletzt die Studie »Stigma Kopftuch« des Soziologen Florian Kreutzer. Den Frauen werden Rückständigkeit und Fundamentalismus unterstellt, sie gelten als unterdrückt und gefährlich zugleich. Thilo Sarrazin urteilt in seinem antimuslimischen Beststeller »Deutschland schafft sich ab« über das Kopftuch: »Das Tragen des Kopftuchs drückt niemals nur Religiosität aus (…), sondern den Wunsch, sich von den ›Ungläubigen‹ auch optisch abzugrenzen. Das Kopftuch bedeutet gleichzeitig die Akzeptanz der Unterordnung der Frau unter den Mann, das heißt Ablehnung der Emanzipation der Frau nach abendländischem Muster«.

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