„Die derzeitige Rhetorik der CSU trägt zur Verrohung bei“


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Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch über den oft diskriminierenden Sprachgebrauch bei der sogenannten „Flüchtlingsdebatte“

Von Patrick Spät|TELEPOLIS

Anatol Stefanowitsch wurde 1970 in Berlin geboren und studierte an den Universitäten Hamburg und Houston Anglistik, Sprachlehrforschung und allgemeinen Sprachwissenschaft. Seit 2012 ist er Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Zusammen mit anderen Sprachwissenschaftlerinnen schreibt er auf dem Sprachlog regelmäßig über politische Sprache und Sprachpolitik.

„Actions speak louder than words“, heißt es. Inwiefern beeinflusst der Sprachgebrauch überhaupt unser Denken – und damit unser Handeln?

Anatol Stefanowitsch: Sprache bildet nicht die Realität ab, sondern eine Perspektive auf die Realität. Insofern kann der Sprachgebrauch eine entscheidende Rolle bei der Bewertung von Menschen und Situationen spielen. Ein Lehrbuchbeispiel: Jemanden, der ein Regierungsgebäude in die Luft sprengt, können wir, je nach Perspektive, als „Terrorist“ oder „Freiheitskämpfer“ bezeichnen. Die Wahl, die wir treffen, zieht dann bestimmte Denk- und Handlungsmuster nach sich: Einen Terroristen müssen wir bekämpfen, einen Freiheitskämpfer dagegen unterstützen oder wenigstens Verständnis für seinen Freiheitskampf haben.

Natürlich können wir uns durch sorgfältigeres Nachdenken von solchen Begriffen lösen und zu einer differenzierteren Bewertung gelangen – Sprache bestimmt unser Denken nicht, sie legt uns nur bestimmte Denkweisen nahe. Aber da wir über viele Dinge eben nicht sorgfältig nachdenken, spielt der Sprachgebrauch eine entscheidende Rolle.

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