Eine neue Art menschenverachtender Radikalität


Nach einem Anschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Freital (Sachsen), Anfang November 2015. Foto: dpa
Den 89-jährige Historiker Fritz Stern, der aus Nazi-Deutschland fliehen musste, erschreckt die derzeitige Entwicklung im Land. Er befürchtet wegen der Flüchtlingskrise eine Radikalisierung der Bevölkerung.

Von Michael Hesse|Frankfurter Rundschau

Herr Stern, Sie und Ihre Familien mussten Deutschland unter der Nazi-Herrschaft verlassen. Haben Sie deshalb besondere Sympathie für die Flüchtlinge?
Es ist sehr schwer, das zu vergleichen. Die Situation damals war eine völlig andere. Wir mussten unseren Aufbruch nach Amerika von längerer Hand planen, als es für die Flüchtlinge heute der Fall ist, die unter entsetzlichen Umständen versuchen, nach Europa zu kommen. Meine Sympathie für die Flüchtlinge mag sicher auch durch die eigenen Erlebnisse gestützt werden. Aber es ist doch vor allem rein menschlich, dass man an die Misere der vielen Menschen denkt. Aber wenn Sie eine persönliche Verbindung suchen, dann glaube ich, gibt es eine zwischen Frau Merkel und ihrer Sympathie zu den Flüchtlingen.

Halten Sie den Entschluss von Bundeskanzlerin Merkel, das Dublin-Abkommen für Syrer auszusetzen, für die richtige Entscheidung? Dadurch haben viele Menschen den Weg nach Europa in Angriff genommen.
Es war nur der erste Schritt für eine richtige Entscheidung. Was noch fehlt, ist eine Ordnung, ein Plan, wie man den Kommunen und Städten helfen kann, so dass sie sich nicht überfordert fühlen. Man muss Verständnis haben sowohl für die Migranten als auch für jene, die die Verantwortung tragen.

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