Rüdiger Safranski: «Die Deutschen sind in der Pubertät»


Wie viele will man willkommen heissen? Polizisten registrieren Flüchtlinge am Bahnhof der süddeutschen Stadt Freilassing. (14. September 2015) (Bild: Kerstin Joensson / Keystone)
Willkommenskultur und eine Rekordzahl an rechtsradikalen Straftaten, VW-Betrug und eine gekaufte Fussball-WM. Noch selten hat Deutschland die Welt – und sich selber – so überrascht wie zurzeit. Was ist nur los in unserem nördlichen Nachbarland? Der Philosoph und Autor Rüdiger Safranski im Interview über ein deutsches Schicksalsjahr.

Von Martin Helg|Neue Zürcher Zeitung

NZZ am Sonntag: Herr Safranski, Ihr neues Buch handelt von der Zeit. Vor kurzem hat die halbe Welt gleichzeitig die Uhren umgestellt. Was bedeutet diese Synchronisationsleistung für die globale Gemeinschaft?

Rüdiger Safranski: Die Herstellung einer einheitlichen Weltzeit ist eigentlich ein ungeheurer Vorgang, den es so in der Menschheitsgeschichte nie vorher gegeben hat, an den wir uns aber gewöhnt haben. Bevor mit der industriellen Revolution die Eisenbahn aufkam, hatte jeder Ort seine eigene Zeit. Und noch im 19. Jahrhundert war es prinzipiell ausgeschlossen, dass an raumentfernten Punkten das Gefühl der Gleichzeitigkeit aufkommen konnte. Heute ist raumentfernte Gleichzeitigkeit in Echtzeit zu erfahren. Die Entfernung wird entfernt. Erst seitdem gibt es wirklich so etwas wie ein globales Bewusstsein.

Was hat denn Schiller gemeint, wenn er rief: Seid umschlungen, Millionen?

Das war abstrakt und erhaben, im Reich des Gedankens. Heute kann es uns passieren, dass nicht wir die Millionen umschlingen, sondern die Millionen uns. Sie stehen zum Beispiel als Flüchtlinge vor der Tür. Sie kennen uns durch die Bilder. Wir sind das Paradies für sie. Es ist jetzt alles miteinander vernetzt. Nicht nur virtuell.

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