Cem Özdemir: „Ich will nicht, dass Saudi-Arabien Moscheen in Deutschland baut“


© Wolfgang Eilmes Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen: Cem Özdemir
Verstärken muslimische Flüchtlinge den orthodoxen Islam in Deutschland? Der Bundesvorsitzende der Grünen Cem Özdemir im Gespräch über die Religion seines Elternhauses, tolerante und gefährliche Strömungen.

Von Johannes Leithäuser|Frankfurter Allgemeine

Herr Özdemir, Sie haben gerade auf einem Grünen-Parteitag geschildert, dass der tolerante Islam Ihres eigenen Elternhauses in Deutschland inzwischen auf dem Rückzug sei – warum ist das so?

Ich bin leider nicht der einzige, der das beobachtet. Navid Kermani, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, hat in seiner bedeutenden Rede in der Frankfurter Paulskirche ähnliches erzählt über seinen theologischen Lehrer, der inzwischen in den Niederlanden im Exil ist. Ihm wurde seine kritische Quelleninterpretation zum Verhängnis. Dabei hat er genau das gemacht, was meine Mutter mit ihrer, sagen wir, Küchentheologie auch gemacht hat, die war ja keine Theologin, sondern eine ganz normale Arbeiterin: sie hat das Wissen, das sie von ihrer Mutter und Großmutter erworben hatte, an ihren Sohn weitergeben wollen.

Aber dieses Wissen wird jetzt von einem riesigen machtvollen Apparat in Frage gestellt: dagegen kommen die Tausenden Mütter und Väter, die ihren Kindern von einem anderen Islam berichten wollen, schwer an. Schon 1980 hat sich in der Türkei nach einem Militärputsch die Macht mit der autoritären Religion verbündet gegen den Kommunismus – die Amerikaner, also der Westen, haben es in Afghanistan mit den Taliban getan. Und heute fördert Saudi-Arabien diese Auffassung des Islams mit sehr viel Geld überall, wo Muslime leben.

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