Oh Gott, ich weiß nicht, wie man betet!


Wenn das der Dürer wüsste: Betende Hände an einer Athener Hauswand Foto: Nikos Pilos/laif
Christen murmeln das Vaterunser, Muslime werfen sich auf dem Teppich nieder – aber was macht man als ganz normaler Agnostiker, wenn man plötzlich den Wunsch verspürt, Gott anzurufen?

Von Hannah Lühmann|DIE WELT

Neulich geschah etwas, das so schlimm war, dass es in mir den Wunsch weckte, zu beten. Es schien mir, als hätte ich die Welt eigenhändig aus den Fugen gehoben. Ich wollte meine Stirn auf eine hölzerne Bank legen, die Finger, warm und schwitzig, falten, ich wollte flüsternd etwas aufsagen, weinen, um Vergebung bitten, so etwas halt.

Diese Vorstellung war sehr konkret, was mich überraschte. Ich bin keineswegs religiös. Ich war also einigermaßen beeindruckt von der Klarheit meines Wunsches. Er kam fast ohne Vermittlung, war einfach da, wie man eben weiß, dass bestimmte Handlungen bestimmten anderen entsprechen. Ich wollte nicht baden, ich wollte nicht Schopenhauer lesen, ich wollte nicht mit meiner besten Freundin telefonieren, ich wollte auch kein Yoga machen, mich besinnen, betrinken, ausruhen oder schlafen legen – ich wollte beten.

Ich wollte Worte sprechen, ich wollte mich an etwas wenden, dessen Größe der Irrationalität des Geschehenen entsprach. Mich überantworten. Als ich mich in den Bus setzte, trug ich den Gedanken an Gott in mir wie ein rohes Ei. Schließlich ist es selten, dass man so eine ungebrochene Gottessehnsucht in sich spürt. Es war spät am Tag, ich musste mich beeilen.

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