Nur geschichtsblind oder antisemitisch?


NS-Aktivisten bei der Geschäftskennzeichnung. Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0.
Am Samstag den 1. April 1933 sahen sich zahlreiche jüdische Ladenbesitzer in Deutschland mit uniformierten Deutschen konfrontiert, die sich vor ihren Schaufenstern und Ladentüren postierten und potenzielle Kunden darauf aufmerksam machten, dass sich das Geschäft „in jüdischer Hand“ befindet. Diese Aktionen wurden nicht von Beamten, sondern vorwiegend von SA-Aktivisten durchgeführt, aber von der Polizei und anderen Behörden geduldet, weil der Boykott auf eine Entscheidung des damaligen deutschen Kanzlers Adolf Hitler zurückging.

Von Peter Mühlbauer|TELEPOLIS

Der damit erzielte Effekt, dass sich Kunden, die Ärger aus dem Weg gehen und vor allem ihre Ruhe haben wollte, dauerhaft nach alternativen Angeboten umsahen, war von den Boykotteuren gewünscht: Die Nationalsozialisten wollten Juden, die man als internationales Netzwerk wahrnahm, schaden, weil sie ihnen die Schuld daran gaben, dass es in den USA nach der Machtergreifung Boykottaufrufe von jüdischen Organisationen gegen deutsche Produkte gegeben hatte.

Dem am 4. April 1933 offiziell beendeten Boykott jüdischer Geschäfte folgten 1935 die Nürnberger Rassegesetze, 1939 die Reichspogromnacht und in den 1940er Jahren die Verschleppung der Juden in Lager, in denen sie massenhaft vernichtet wurden. Das alles ist kein Geheimnis, sondern in Fotos, Filmen, Archivalien und Dissertationen gut dokumentiert. Es stand und steht sogar in Volks- Haupt- und Mittelschulen auf dem Lehrplan.

Deshalb stellt sich die Frage, was sich die Aktivisten der BDS-Bewegung dachten, als sie sich am Samstag in Bremen in identischen Regehäuten mit aufgeklebten Schildern zeigten, auf denen zu lesen war: „Inspektion. Kennzeichnung von Waren aus den illegalen israelischen Siedlungen.“

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