Wertegemeinschaft: Aufschrei der Afterdienstler


grundgesetzImmanuel Kant:

Ich nehme erstlich folgenden Satz als einen keines Beweises benötigten Grundsatz an: alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn und Afterdienst Gottes.

Eren Güvercin und Eberhard Straub warnen davor, Verfassungswerte zu überhöhen und über die Religion zu stellen. Aus ihrer Sicht gibt es sogar eine radikale „Glaubensgemeinschaft“, die das Grundgesetz zum Heiligen Buch erhebt. Dadurch sei die Freiheit bedroht

Von Eren Güvercin, Eberhard Straub|Cicero

In jüngster Zeit wird wieder inflationär nach der Grundgesetztauglichkeit der Muslime gefragt. Politiker wie Julia Klöckner, Cem Özdemir, Volker Beck und Horst Seehofer, aber auch einzelne Vertreter von Islamverbänden fordern, „Muslime nicht in Watte zu packen“.

Immer wieder diskutieren wir, was Muslime alles aufgeben müssen. Aber nie reden wir darüber, was Muslime der Gesellschaft geben können. Sie sollen sich vielmehr einer Leitkultur einfügen. Diese Forderung ist ein Symptom dafür, mit dem Pluralismus der Lebensformen in einer offenen Gesellschaft, von der ununterbrochen die Rede ist, ganz einfach überfordert zu sein. Von Willkommenskultur erfüllte Menschenfreunde reden unumwunden wie Hausmeister, die für Ruhe und Ordnung zuständig sind, für Regeln und Gebote. Im deutschen Hause kann nicht jeder machen, was er will, sagen sie. Die Leitkultur ist ein Mittel, jeden an die Leine zu nehmen und fürsorglich in „unsere“ Wertegemeinschaft zu integrieren.

Leitkultur, Wertegemeinschaft und Integration sind völlig beliebige Vorstellungen. Sie müssen mit Inhalten gefüllt werden. Alle gesellschaftlichen Kräfte bemühen sich darum, wollen ihnen Verbindlichkeit verschaffen. Das Ziel ist die Homogenisierung der Gesinnungen in der Wertegemeinschaft als Religions- und Kirchenersatz.

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3 Comments

  1. Nachtrag: Wer sich einen Eindruck darüber verschaffen möchte, was uns beispielsweise die muslimische Gesprächs- und Diskussionskultur zu „geben“ vermag, erst recht in Kooperation mit hiesigen KriecherInnen und SchleimerInnen, der schaue sich dieses Video an, das ich vorhin bei Jerry Coyne fand. Es geht darum, dass die Ex-Muslima Maryam Namazie beim Londoner Goldsmiths College über “Apostasy, blasphemy and free expression in the age of ISIS“ sprach. Man darf die Dame als intellektuell differenziert betrachten und „islamophob“ in Bezug auf sie als eine Phrase.

    Gleichwohl, im Vorfeld fand sich schon eine feine Erklärung der lokalen Feministinnen, die mit dem Islam kein Problem haben: „Goldsmiths Feminist Society stands in solidarity with Goldsmiths Islamic Society. We support them in condemning the actions of the Atheist, Secularist and Humanist Society and agree that hosting of known islamophobes at our university created a climate of hatred“. Was „hatred“ bedeutet, demonstrierten dann die anwesenden Muslime auf das Beste. Auch das Wort „condemning“ ist köstlich, es hat ja dort, wo ISIS und dergleichen Macht haben, eine schöne und klare Kopf-ab-Konsequenz.

    Ich zitiere Jerry Coyne: „I haven’t watched this in its entirety, but here are several instances of disruption: 7:40 8:06 (whistling) 11:38 14:00 all hell breaks loose Then more whistling, Muslims walk out of the room 35:21 Projector turned off by student etc.“

    Mir genügt derlei „Geben“, und ich sehe kein anderes, das zu erwarten wäre von einer Kultur, die auf einen wörtlich von Gott gegebenen Text voller Mittelalterlichkeit verpflichtet ist. Das analoge Verhalten vieler „68er“ ging ja dann auch partiell in Gewalttätigkeit über. Für „Busenattentate“ wie auf Adorno fehlen den Muslimen allerdings Kreativität und Mut. Pöbeln und Projektorabschalten reicht. Es wundert mich dann doch. Würde so etwas in einem meiner Vorträge passieren, würde ich frühzeitig den Sicherheitsdienst der Universität rufen und die Störer hinaussetzen lassen. Wenn sie nicht einverstanden mit dem Gesagten sind, können sie ja nachher fragen. Aber die gegebene Kultur ist eine des Zum-Schweigen-Bringens. Shut-up und Kopf-ab klingen ja auch recht ähnlich.

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  2. Bemerkenswert ist auch der Satz: „Aber nie reden wir darüber, was Muslime der Gesellschaft geben können.“ Ja was denn? Noch mal so richtig Vergangenheit? Die Kombination von auf einen heiligen Text fixierter Denk- und Lebenswelt plus archaische Sitten von der Familienehre bis zu den Strafvorstellungen ist doch hierzulande überwunden. Dass niemand so von postmoderner Irrationalität zu profitieren sucht wie religiöse Apologeten, wurde bereits von anderen vermerkt. Meine beiden „Intellektuellen“, Sie lesen richtig: überwunden. Es gibt sehr wohl einen Fortschritt in der Gesellschaft über die Technologie hinaus. Oder möchten Sie gerne wieder im 17. Jahrhundert leben, mit Galgen an jedem Ortsausgang und öffentlichen Hinrichtungen usw.? Worin soll das von den Muslimen „Gegebene“ konkret bestehen? Dass wir jetzt wieder religiös-innerlich werden oder auch rituell-äußerlich? Gab es nicht hierzulande eine Aufklärung, und zwar als Befreiung auch von den Fesseln der Religion, die doch im Islam besonders eng sind? Oder ist das„zu seicht“ und sehnen wir uns in der Tradition der Deutschen Romantik ganz kräftig, mit bekannten Folgen?

    Wie stehen denn beispielsweise Muslime im Allgemeinen zur Wissenschaft? Eine große Mehrheit weltweit lehnt die Evolutionstheorie ab (das ist ja auch hier schon ein Problem in den Schulen), und die Wissenschaft ist dem Koran untergeordnet, ganz wie bei Evangelikalen: scientia ancilla theologiae. Das hatten wir hier vor langer Zeit und muss nicht noch einmal „gegeben“ werden. In diesem Flachdenken bleibt nur die Technik als nutzbarer Output der Wissenschaft, siehe Saudi-Arabien. Wo finden wir irgendeine geistige Verarbeitung der neuzeitlichen Philosophie, Moraltheorien, Psychologie usw.? Ich habe in den Äußerungen von Imamen und dergleichen bislang nichts davon entdecken können.

    Und konkreter: Seit den 1950-er Jahren wurden die Einschränkungen, dass Frauen nicht ohne Einwilligung ihres Mannes arbeiten, dass sie kein Bankkonto eröffnen dürfen usw. zurückgenommen, vor erschreckend kurzer Zeit erst wurde Vergewaltigung in der Ehe strafbar, Zwangsheiraten sind längere Zeit nicht mehr üblich. Wenn man den Lehren etlicher Imame, hier und anderswo, Glauben schenken darf, verhält es sich doch im Islam anders. Soll das „Geben“ eine Zeitreise in die Vergangenheit sein? Warum dann nicht gleich wieder köpfen und rädern, das würden doch manche postmodernistische Ästheten und Salonreligiöse ebenfalls als Bereicherung empfinden, die sie zu literarischen Produkten anregt.

    Das Problem besteht doch darin, dass so gut wie alle „gebbaren“ Werte solche der vergangenen Jahrhunderte in Europa sind. Man muss sich nur die weltweiten Zustimmungsraten zur Scharia mit allem Drum-und-dran ansehen, um zu folgern, dass man sich für derlei „Geben“ gerne bedankt. Das gilt auch für den von christlichen Propagandisten der Sorte Göring-E., die den Kirchen die Felle wegschwimmen sehen, herbeigeredeten „Fortschritt“, dass die Gesellschaft wieder „religiöser werde“. Fortschritt für wen? Für die zunehmende Zahl derer, die mit Religion nichts am Hut haben, aber jetzt aufdringlicher behelligt oder womöglich dominiert werden? Fortschritt im Sinne des Zerfallens in Parallelwelten, in denen der Universalitätsanspruch menschlicher Rechte reduziert oder annulliert ist? Und der Anspruch des Koran ist doch ein totaler, oder wollen wir das auch schon wegreden?

    Oder endet es nur darin, dass Muslime der Gesellschaft mehr Kinder „geben“, die allerdings geistig-moralisch halt ein wenig enger konstruiert sind, falls sie ihrer Religion folgen? Und das, obgleich die Strukturveränderungen der Zukunft vermutlich so sein werden, dass es aufgrund von Automatisierung immer weniger hinreichend bezahlte, qualifizierte Arbeit geben wird, so dass die Vorstellung, über die Kinderzahl „die Rente zu sichern“, fragwürdig, ja lächerlich ist. Dieses Ziel wird man bei weltweit limitierten Ressourcen und endlicher Tragekapazität der Erde nur über einen grundlegenden Umbau der Lebenssicherung und -gestaltung erreichen können. Schon jetzt deutet sich ja an, dass ein Großteil der Bevölkerung regelrecht überflüssig wird, das Kapital braucht sie unter den modernen Bedingungen weder als Produzenten noch als Konsumenten.

    Die beiden Autoren machen sich die populistischen Forderungen einiger Politiker zunutze, um ihrerseits de facto die Adhärenz an das Grundgesetz in Frage zu stellen. Wer auf den darin niedergelegten Rechten (und Pflichten) besteht, trägt eine „Monstranz“ vor sich her. Aha. Wer diese „Monstranz“ wegwirft, landete allerdings rasch im Monströsen, aber das zu erkennen liegt wohl jenseits des geistigen Horizonts der beiden Autoren. Welche Paragraphen sähen die beiden denn gerne de facto aufgeweicht oder abgeschafft? Schließlich lesen wir in entsprechenden Organen, dass selbst in Saudi-Arabien die Menschenrechte voll verwirklicht sind, nur halt mit der kleinen Einschränkung, dass sie mit der Scharia in Einklang stehen müssen. Und wer zum Unmenschen erklärt wird, hat eben keine Rechte. Na dann. Vielleicht muss man nur uminterpretieren und gar nichts am Text ändern. Nur zu mit Vorschlägen des „Gebens“.

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  3. Danke für diesen Hinweis und das Kant-Zitat. Klingt irgendwie nach Saudi-Arabiens Platz in Deutschland. Und richtig: warum sollte eine Religion, die Köpfen, Steinigen und Handabhacken, sowie Zurücksetzung und sexuellen Gebrauch von Frauen und dergleichen im Wertsystem hat, darin beeinträchtigt werden, solange das von den ihr Angehörigen akzeptiert wird? Kann ja auch etwas weniger sein, z.B. nur Auspeitschen. Überhaupt: warum unterdrücken wir Religionen, die Menschenopfer darbringt, weil diese ihrer festen Überzeugung nach zum Erhalt der Gesellschaft, ja der Welt notwendig sind? Was wollte man denen entgegnen, die diese wiederbeleben wollen?

    Der neuzeitliche, säkulare, liberale, tolerante Staat und seine Strukturen sind Errungenschaften, die in Jahrhunderten harter Kämpfe und blutiger Erfahrungen erreicht wurden. Die Barbarei ist in Europa noch nicht lange vorbei, man denke nur daran, wie der WK1 im Namen der Kultur geführt wurde, von WK2 ganz zu schwiegen. Das Insistieren auf dem Grundgesetz ist nicht sein „Anbeten“ (anderes können sich die Autoren bezeichnenderweise wohl nicht vorstellen), sondern Ausdruck eines durch leidvolle historische Erfahrung geprägten humanistischen Bestrebens dahingehend, dass es unaufgebbare Grundforderungen gibt. Dies als „Homogenisierung der Gesinnungen in der Wertegemeinschaft als Religions- und Kirchenersatz“ zu bezeichnen verrät typisches Verschwörungsdenken. Neben völkischen Bewegungen waren es hauptsächlich Religionen, die diesen Konsens in Frage stellten, man erinnere sich, dass die Akzeptanz der Demokratie durch die großen Kirchen nur wenige Jahrzehnte her ist. Und genau diese zielen ja auf tatsächliche „Homogenisierung“ ab. Man erinnere sich auch, dass die katholische Kirche noch unlängst eine ganze Anzahl spanischer katholischer Faschisten als Märtyrer in den Himmel hob. Von den Katholiken, die gegen Franco waren und umkamen, hört man nichts seitens der katholischen Rasselbande.

    Aufschlussreich ist, dass dieser Artikel in einem Möchtegern-Intellektuellenblatt erscheint, das sonst gerne die christlich-abendländische Wertegemeinschaft aufs Tapet hebt. Sollte da vielleicht gar nicht oder nur teils die Freiheit für den Islam gemeint sein, und vielmehr eigentlich die Freiheit für anderes, z.B. ein radikales Christentum nach US-Art? Mit Home-Schooling zur Absicherung, mit viel Todesstrafe usw., wie dort üblich? Dafür muss man ja auch das Grundgesetz beiseiteschieben. Saskia Sassen hat in einem unlängst erschienenen Buch klarsichtig angemerkt, dass wir uns offenbar in einem Prozess der Entzivilisierung und Rebarbarisierung befinden, weltweit, ökonomisch und sozial. Und dieser Prozess tritt unter dem Signum der „Freiheit“ auf, die in der Praxis regelhaft auf Sozialdarwinismus und Tribalismus hinausläuft, auch wenn diese religiös kaschiert und überhöht werden. Der Artikel ist ein Musterbeispiel dieser Augenwischerei.

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