Vom Holozän zum Anthropozän: Faktor Mensch


Wie können wir die Erderwärmung stoppen? Bildquelle: Illustration aus dem Buch „Die Große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? Bild: FU Berlin/Publikationen
Klimawandel, Artensterben, Überfischung, Ölkatastrophen, Verstrahlung, Plastikmüll – wer wäre nicht von der alles erfassenden und allgegenwärtigen Umweltkrise aufgeschreckt? Dabei ist meist immer noch zu wenig bekannt, wie stark unser Leben und Wirtschaften tatsächlich von einem funktionsfähigen Erdsystem abhängen. Wir sehen den Menschen in seinem Sozialgefüge, mit seiner Technik und Kultur auf der einen (uns sehr nahen) Seite, auf der anderen (uns vermeintlich fernen) Seite die Natur, die wir als Heimat oder Urlaubsziel zwar lieben, ansonsten aber – je nach Lesart – nutzen oder ausbeuten. Auch der klassische Umweltschutz denkt weitgehend in dieser Dualität: der anthropozentrische, egoistische Mensch und die gute Natur. Ein unüberbrückbarer Gegensatz?

Von Prof. Dr. Reinhold Leinfelder|FU Berlin

Dass der Mensch nicht nur integraler Bestandteil eines geschlossenen Systems Erde ist, sondern inzwischen selbst ein „geologischer Faktor“, indem er die feste Erdoberfläche, Ozeane und Atmosphäre massiv verändert und in regionale wie globale Wasser-, Sediment- und Stoffkreisläufe eingreift, ist noch nicht ausreichend ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. Und das, obwohl Geowissenschaftler inzwischen mit Unterstützung vieler weiterer Fachdisziplinen in einer Arbeitsgruppe der Internationalen Kommission für Stratigraphie – einem Forschungsgebiet, das sich mit der Zeitskala geologischer Vorgänge befasst – prüfen, ob nicht wegen der „Systemrelevanz“ des Menschen ganz offiziell ein neuer erdgeschichtlicher Abschnitt ausgerufen werden sollte.

Dem Vorschlag von Nobelpreisträger Paul Crutzen folgend würde dann die letzte erdgeschichtliche Epoche, das nacheiszeitliche, global so umweltstabile Holozän vom Anthropozän abgelöst werden. Der aktuelle Diskussionsvorschlag der Mehrheit der Arbeitsgruppe, zu der auch der Autor gehört, zieht die Grenze zwischen beiden Erdzeitaltern bei 1945/1950, beginnend mit dem ersten radioaktiven Fallout des sogenannten Trinity-Atombombentests im US-Bundesstaat New Mexiko sowie der seit 1950 stark beschleunigten Zunahme von „Technofossilien“ wie Plastik, reinem Aluminium (das in der Natur in elementarer Form nicht vorkommt) sowie vielen weiteren geologisch überlieferungsfähigen Relikten unserer Wachstums- und Wegwerfgesellschaften. Aber nicht nur Geowissenschaftler, sondern auch Ökologen, Historiker und Soziologen verwenden den Begriff immer häufiger und bezeichnen damit übergreifend sämtliche Aspekte der teils zerstörerischen Umweltveränderung durch den Menschen (anthropos).

Ein Begriff mit enorm positivem Potenzial

Hinter der Vorstellung eines vom Menschen verantworteten Erdzeitalters steht jedoch viel mehr als lediglich die Aufzeichnung aller negativen Umwelteingriffe. Das Anthropozän könnte sich zu einem integrativen Konzept entwickeln, das ein Denken in überkommenen Gegensatzpaaren – etwa Kultur versus Natur oder Technik versus Biologie – hinter sich lässt und damit in Forschung und Lehre Disziplinen übergreifend zu systemischen Ansätzen kommt.

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