Hat Mohammed wirklich Gewalt gepredigt und was bedeutet Dschihad?


Al Arabun-Wallfahrt der Schiiten im irakischen Karbala: Die meisten Muslime passen ihren Glauben den alltäglichen Herausforderungen des Lebens an © Mohammed Sawaf/AFP
Die Publizistin Sabatina James wirft dem Islam vor, eine gewalttätige Religion zu sein. Stimmt das? Und was sagt der Koran über den Dschihad und die Scharia? Islam-Expertin Nushin Atmaca aus Berlin gibt Auskunft.

Von Nushin Atmaca|stern.de

Die grundsätzliche Frage, ob der Koran im historischen Kontext oder – und das wäre die fundamentalistische Auslegung – wortwörtlich ausgelegt werden sollte, dominiert viele Diskussionen innerhalb des, aber auch über den Islam. Dabei passt die große Mehrheit der Muslime ihren Glauben den alltäglichen Herausforderungen ihres Lebens an.

Vor diesem Hintergrund lässt sich zur Gewaltanwendung folgendes sagen: Dass Mohammed Gewalt gegenüber Gegnern angewandt hat, lässt sich nicht bestreiten. Aus heutiger Zeit mag diese Gewalt unverhältnismäßig erscheinen, betrachtet man sie im historischen Kontext – 7. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel – war sie es nicht. Für viele Muslime spielt daher die Frage, wie Mohammed sich als Vorbild in der heutigen Zeit verhalten würde, eine wichtige Rolle. Das Verhalten, das vor rund 1400 Jahren als vorbildhaft galt – darunter die (rechtliche) Besserstellung der Frau im Vergleich zur vorislamischen Zeit – würde heute nicht mehr eins-zu-eins als nachahmenswert gelten, da sich die gesellschaftlichen Umstände in den islamischen Ländern genau wie in der westlich geprägten Welt im Laufe der Geschichte, und nicht zuletzt unter dem Einfluss von Moderne und Globalisierung, grundlegend verändert haben. Vielmehr geht es daher um die Frage nach der Bedeutung und „Übersetzung“ der islamischen Lehren in die heutige Zeit. Darin unterscheidet sich das Christentum nur wenig vom Islam.

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2 Comments

  1. Fazit: Gut gebrüllt, Löwin, nur sind die Adressaten die falschen. Es wären die Muslime, die sich ändern müssen, nicht die Nichtmuslime, die irgendwie Verständnis aufzubringen haben. Für Änderungen sehe ich aber kaum positive Anzeichen, und die staatlich-institutionelle Fütterung wird eher satt und selbstzufrieden als veränderungsbereit machen. In Analogie zur komplexen historischen Entwicklung des Christentums fehlt es mir beileibe nicht an Verständnis dafür, welche Schwierigkeiten religiöse Systeme, noch dazu eminent archaische, mit der Moderne haben, wie man es ja auch bei Evangelikalen, vor allem solchen der US-Sorte, sieht. Ich bin auch weit entfernt davon, das mit Hohn zu sehen, wir haben alle unsere Grenzen und Fehler. Nur führt dieses Verständnis nicht dazu, zentrale Errungenschaften der Moderne so einfach preiszugeben, nur weil geistige Fossilien und gedrillt Engstirnige sich eine archaische Umgebung wünschen. Dieser Fossiliencharakter wird ja beim Islam auch durch die weitgehende Abwesenheit einer produktiven Auseinandersetzung mit der Philosophie und Wissenschaft der Neuzeit bekräftigt.

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  2. Diesen Artikel habe ich mir kopiert als Paradebeispiel von Weißwäscherei und Augenwischerei.

    Wir erfahren, dass der Islam von einzelnen Regimes missbraucht wird, dass das Umbringen von Apostaten und Nichtgläubigen ein Missverständnis ist usw., ebenso die Anwendung von Gewalt generell, dass Zwangsheiraten Gebräuche sind, die nichts mit der Religionslehre zu tun haben usw. Schön. Die Dame nennt sich „Wissenschaftlerin“. Wissenschaftler werden darauf trainiert, erstens sich um die Fakten zu kümmern und zweitens beim Thema zu bleiben. Bei Pseudowissenschaftlern und Ideologen verhält es sich anders.

    Das relevante Thema ist die faktische enge Assoziation zwischen inakzeptablen Bräuchen und einer spezifischen Religion, auf deren Boden diese Bräuche in vielen Jahrhunderten gewachsen und gerechtfertigt wurden und nach wie vor in weiten Teilen der Welt etabliert sind. Dahinter eine „eigentliche Lehre“ zu suchen, die davon abtrennbar ist, führt von der Tatsache weg, dass diese Lehre de facto immer mit den Bräuchen verkoppelt war und dies bis heute gelebte Praxis ist. Dass dem so ist, sollte man ernstnehmen und nicht wegdiskutieren mit der absurden Konsequenz, dass die große Mehrheit der Muslime weltweit die eigene Religion missversteht.

    Die Wissenschaftlerin sollte beispielsweise die Pew-Research-Daten zur Kenntnis nehmen. Ein sehr großer, ja oft weitaus überwiegender Anteil von Muslimen befürwortet beispielsweise die Scharia, und zwar in vielen oder allen Details, einschließlich Steinigen, Handabhacken usw. Das sind die Fakten. Die Scharia ist definitiv mit dem Islam gekoppelt und definitiv ein mittelalterliches, primitives Rechtssystem, das allen Vorstellungen der Neuzeit ins Gesicht schlägt. Es ist irrelevant, ob das zu Zeiten Mohameds ein „Fortschritt“ war.

    Ferner dominieren die „konservativen“, ich würde ganz klar wegen der Einheit von Religion und Staat sagen: klerikalfaschistischen, Interpretationen weltweit in hohem Maße und werden von Ländern wie Saudi-Arabien unter Einsatz von Milliarden Dollar seit Jahrzehnten verbreitet. Mit solchen Auslegungen sind Frieden und Achtung vor den Menschen ganz sicher nicht zu erreichen. In saudischen Schulbüchern wurden Schüler zum Beispiel in folgender Weise erzogen: „It’s allowed to demolish, burn or destroy the bastions of the Kuffar (infidels)- and all what constitutes their shield from Muslims if that was for the sake of victory for the Muslims and the defeat for the Kuffar“. Zur Vermittlung dessen gab es von den Schülern passend zu ergänzende Sätze usw. Auch wurden Schüler erzogen, dass es zu ihren religiösen Pflichten gehöre, einen jihad against infidels zu führen, um den Glauben zu verbreiten usw. Das war noch um 2005 ganz klar so. Angeblich wurde das inzwischen geändert, aber darin bestehen mehr als berechtigte Zweifel. Und was in den Koranschulen informell läuft, wollen wir lieber gar nicht wissen.

    Die Potenziale und Perspektiven einer Religion bemessen sich nicht primär danach, in welcher Weise die Schriften irgendwie irgendwo von irgendwem auslegbar sind, sondern danach, was die vorwiegende Praxis ist, denn die ändert sich, wenn überhaupt, nur sehr langsam. Und zwar die Praxis derer, die explizit dem Glauben anhängen, nicht die der vielen areligiösen Muslime, die es glücklicherweise auch gibt und die so wie viele nominelle Christen eigentlich mit dem Glauben nichts am Hut haben. Es ist die zu weiten Teilen gelebte und gepredigte Praxis, gegen die sich die Kritik richtet, nicht irgendeine abstrakte oder literarische Lehre. Dass die hiesigen Islamverbände reaktionär sind, wird man ja wohl kaum bestreiten können (wer de facto in Zustände des hiesigen 19 Jh. oder vorher zurück will, ist reaktionär, nicht konservativ). Siehe dazu auch die windelweichen Ausführungen eines „liberalen“ Imam, die auf HPD zu finden sind, wo beispielsweise bei aller „Liberalität“ ebenfalls die Trennung zwischen Frauen und Männern befürwortet wird, eine Trennung, die nichts mit „Achtung“ zu tun hat, sondern der ein archaisches, primitives und im tieferen Sinne amoralisches Weltbild (Abwesenheit einer positiven, verinnerlichten Moral) zugrunde liegt. Selbst bei „Liberalen“ sieht es also mit der „Übersetzung in die heutige Zeit“ nicht gut aus.

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