Der Terror macht uns zu Meistern der Verdrängung


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11. September 2001: Der Philosoph Peter Sloterdijk nannte den Terroranschlag einen „schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfall“
Trotz der Anschläge von New York, London, Paris, Boston oder Bali ist die Botschaft der Terroristen bei den Adressaten noch nicht angekommen. Oder sie wird verdrängt. Vielleicht ist das besser so.

Von Henryk M. Broder|DIE WELT

Der Schauspielerin Camilla Spira, Tochter von Lotte und Fritz Spira und von den Nazis als „Halbjüdin“ eingestuft, gelang es, zusammen mit ihrem Mann, einem „Volljuden“, 1938 Deutschland zu verlassen. Das Ehepaar floh nach Amsterdam, wo es von den Nazis 1943 aufgegriffen und in das Lager Westerbork verbracht wurde, das als Station für Transporte nach Auschwitz diente.

Auf dem Weg nach Westerbork oder bereits im Lager fand Spira einen Zettel mit dem Satz: „Ihr werdet alle umgebracht!“ Sie zeigte das Stück Papier ihrem Mann, Hermann Eisner, einem Berliner Rechtsanwalt, der als stellvertretender Direktor der Engelhardt-Brauerei gearbeitet hatte, bis diese „arisiert“ und er entlassen wurde. Eisner schaute kurz darauf und sagte: „Aber Camilla, das ist doch Gräuelpropaganda, so etwas machen die Deutschen nicht!“

1947 kehrte Camilla Spira nach Berlin zurück, wo sie ihre Karriere als Schauspielerin fortsetzte. So, als hätte sie eine Auszeit von der Bühne genommen, um sich ihrer Familie widmen zu können.

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