„Nicht die Katholiken hier und die Atheisten dort“


Themenbild.
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In Bayern ist es unmöglich, in Nordrhein-Westfalen ganz normal: Dort können katholische Religionslehrer zugleich auch Ethik lehren – oder „Praktische Philosophie“, wie das Fach in diesem Bundesland heißt. Im Interview mit katholisch.de erzählt Matthias Schenck, Religions- und Philosophielehrer am Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium in Wuppertal, wie es sich in diesem Spannungsfeld unterrichtet, was Religionsschüler von Philosophieschülern unterscheidet und welche Themen für sie im Vordergrund stehen.

Von Janina Mogendorf|katholisch.de

Frage: Herr Schenck, worin unterscheiden sich Philosophie- von Religionsschülern?

Schenck: Es ist keinesfalls mehr so, dass im katholischen Religionsunterricht ausschließlich gläubige Katholiken sitzen und im Philosophieunterricht Atheisten. Als ich im vergangenen Schuljahr in der achten Klasse „Praktische Philosophie“ unterrichtet habe, hatte ich 34 Schülerinnen und Schüler – darunter etwa 20 Muslime und eine Handvoll Schüler, die sich entschieden als nicht gläubig sahen. Als wir das Thema Gerechtigkeit besprochen haben, wünschten sich die Schüler ausdrücklich, auch die Sichtweisen der Religionen kennen zu lernen. Im Religionsunterricht selbst sitzen bei uns in der Diaspora nicht viele Katholiken. Einige sind zwar getauft, haben aber von Kirche und Glauben keine Ahnung.

Frage: Wie kommt es, dass Sie sowohl Theologie als auch Philosophie studiert haben?

Schenck: Ich habe mich schon früh in meiner Gemeinde engagiert und unser Kaplan war sowohl theologisch als auch philosophisch sehr gebildet. Das hat mich inspiriert. An der Universität habe ich zunächst nur Mathematik und Theologie studiert. Dann gab es durch einen schweren Verkehrsunfall einen tiefen Einschnitt in meinem Leben. In dieser Zeit ist mir klar geworden, was in meinem Leben wichtig ist. Als ich Philosophie als Studienfach dazu gewählt habe, bin ich einem inneren Kompass gefolgt. Mein Glaube ist der Kern. Aus ihm heraus verstehe ich alles andere. Die Philosophie hat an vielen Stellen mein Glaubensbewusstsein geklärt und vertieft. So sind die Bücher meines Lieblingsphilosophen Emmanuel Levinas eine Inspirationsquelle, die Begegnung mit dem „Anderen“ zu schulen. Im Fremden Gott zu begegnen ist ja die alltägliche Übung unseres Glaubens, die uns von der Gefangenschaft in unseren Ich-durchtränkten Vorstellungen befreit.

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