Robert Spaemann: „Religionen, die es ernst meinen, sind intolerant“


„Aber das Ziel der Mission ist nicht Unterwerfung“, sagt Robert Spaemann. Synthese aus Forschung und Mission, hier eine Schwester im ehemaligen Deutsch- Ostafrika (heute Tansania) aus den 1920er Jahren. Foto: © epd-bild / LMW
Doch, so ergänzt der Philosoph Robert Spaemann: „Sie lehnen es ab, andere gewaltsam zu bekehren“. Ein Gespräch über Flüchtlinge, einen Gottesbeweis und den Missionsbefehl.

Von Michael Hesse|Frankfurter Rundschau

Herr Professor Spaemann, der Westen scheint auf seinen Fundamenten wie schon lange nicht mehr zu wanken. Flüchtlinge, Terror und Konflikte im Osten erschüttern Europa. Hat Europa die moralische Pflicht, Menschen in Not uneingeschränkt zu helfen?

Uneingeschränkt kann die Hilfsbereitschaft sein, aber nicht die tatsächliche Hilfe. Es kann nicht unsere Pflicht sein, uneingeschränkt zu helfen, weil es nicht möglich ist. Wir können es nicht. Und wir sollten auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn wir unserer Hilfe Obergrenzen setzen. Zudem ist es so, dass, wenn es solche Grenzen gibt, man auswählen muss, wen man nimmt und wen nicht.

Und wie fällt dann die Auswahl aus?
Es besteht das allgemeine Vorurteil, dass der Zufall immer das beste Kriterium sei, aber das ist Unsinn. Es gibt verschiedene Grade der Nähe und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Folglich ist es nicht der Zufall. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl. Auch berufliche Kompetenz kann ein solcher Grund sein.

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