Russlands „heiliger Krieg“


Wsewolod Tschaplin leitet das Amt der russisch-orthodoxen Kirche für öffentliche Angelegenheiten. picture alliance
Wie die russische-orthodoxe Kirche politische Deutungshoheit beansprucht.

Von Marc Bennets|Internationale Politik und Gesellschaft

Als der Kreml mit seinen Luftangriffen auf Syrien begann, erklärte Erzpriester Wsewolod Tschaplin, Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche, Russland führe einen „heiligen Krieg“ gegen den internationalen Terrorismus. Als loyaler Verbündeter des Kremls schlug auch das Oberhaupt der Kirche, Patriarch Kyrill, in dieselbe Kerbe und pries Wladimir Putins Eingreifen als lobenswerte Entscheidung, „das syrische Volk vor dem Elend zu schützen, das ihnen die Willkür der Terroristen gebracht hat“.

Da sich gut 70 Prozent aller Russen als orthodoxe Christen begreifen, spielte so eine demonstrative Unterstützung seitens der mächtigen Kirche – zusammen mit dem staatlichen Propagandafeldzug – eine entscheidende Rolle dabei, die anfangs skeptische russische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass das militärische Vorgehen in Syrien notwendig sei, um die Sicherheit in der Heimat zu gewährleisten.

Allerdings waren die Russen nicht die einzigen, die den Kommentaren der Kirche Beachtung schenkten: Mitte Oktober 2015 griff Abu Muhammad al-Adnani, offizieller Sprecher des sogenannten Islamischen Staates (IS), Tschaplins Erklärung über den „heiligen Krieg“ auf, bezeichnete sie als Beweis dafür, dass Moskau einen „Kreuzzug“ gegen die Muslime führe, und rief zum Dschihad gegen Russland auf. Rund zwei Wochen später, am 31. Oktober, brachte eine dem IS angeschlossene Gruppierung eine russische Passagiermaschine voller Urlauber zum Absturz, die sich auf dem Heimflug aus einem beliebten ägyptischen Ferienort am Roten Meer befanden.

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