„Terroristen Reisen längst per Flugzeug“


Foto: Ute Schäfer Mehrmals im Jahr besucht der Islam-Experte und Orientalist Dr. Jürgen Wasella aus Aalen Länder des Nahen Ostens.
Spätestens seit den Anschlägen von Paris geht die Angst um in Europa. Das HT hat sich mit dem Islam-Experten Dr. Jürgen Wasella über die Bedrohung durch islamische Terroristen unterhalten.

Interview Mathias Bartels|Hohenloher Tagblatt

HOHENLOHER TAGBLATT: Haben Sie persönlich nach den Anschlägen von Paris Angst um die öffentliche Sicherheit in Deutschland?

DR. JÜRGEN WASELLA: Nicht mehr als vorher. Es ist doch längst bekannt, dass Hunderte von jungen und leicht zu manipulierenden Menschen nach Syrien und in den Irak gereist sind, um sich dem IS anzuschließen. Viele von ihnen sind inzwischen zurück, nachdem sie im Kampfgebiet das Töten gelernt haben. Wir haben in Deutschland bislang ganz viel Glück gehabt, dass viele Anschläge sehr unprofessionell geplant waren und rechtzeitig verhindert wurden. Was ich am meisten befürchte, sind Angriffe, wie wir sie zurzeit in Israel erleben: Fanatisierte Einzeltäter, die mit Messern oder sonstigen Waffen wahllos Unbeteiligte attackieren.

Die Dschihadisten sprechen vom „Heiligen Krieg“. Sehen Sie uns, den Westen oder Europa, im Krieg mit dem IS?

WASELLA: Ursula von der Leyen hat zu Recht darauf hingewiesen, dass dies kein Krieg gegen Staaten ist. Stattdessen haben wir es mit einer Situation der Auflösung eines ganzen Staatensystems im Nahen Osten, aber auch in Pakistan und Afghanistan zu tun. Erst dieser Verfall nachkolonialer Grenzen hat es möglich gemacht, dass Terrororganisationen wie al-Qaida und der IS in einem politischen und ideologischen Vakuum ideale Bedingungen für ihre Ausbreitung gefunden haben. Hinzu kommt, dass staatliche Akteure in der direkten Nachbarschaft den IS vor ihren eigenen ideologischen oder politischen Karren gespannt haben. Die Türkei unter Erdogan agiert hier sehr zweifelhaft. Die gefährlichste Brutstätte des islamischen Terrorismus ist schon seit Langem Saudi-Arabien. Der Westen ist tatsächlich in einem Konflikt, der mit den Auseinandersetzungen vergleichbar ist, die in den 30er- und 40er- Jahren geführt wurden. Der Dschihadismus und der Islamismus spielen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die Rolle, die früher der Faschismus oder der Stalinismus für Europa gespielt haben.

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