Religiöse Apokalypse: Bitte recht friedlich


post-apocalyptic

Endzeitvisionen im Stresstest: Islam und Christentum kennen beide die theologische Figur einer letzten Ausfahrt vor dem Weltende. Der Entwurf von Luther ist, im Abstand von fünfhundert Jahren, ein durch und durch weihnachtliches Programm.

Von Christian Geyer|Frankfurter Allgemeine

Gleich hinter Angela Merkel zeichnete das New Yorker „Time“-Magazin neulich den Kalifen des IS als „Person des Jahres“ 2015 aus. Zur Begründung hieß es, der Kalif habe „die apokalyptische Vision eines abschließenden Kampfes zwischen den Kräften des radikalen Islam und dem Westen ausgearbeitet“. Prägnant wurde hier noch einmal das religionspolitische Motiv der Endzeiterwartung als Kern der IS-Ideologie umrissen und als welthistorische Einflussgröße gewürdigt. Ja, gewürdigt: Bei der „Time“-Plazierung geht es um politische Wirkung jenseits von moralischen Kriterien, auch Hitler und Stalin waren hier schon Personen des Jahres.

Sind wir beim IS deshalb, seiner apokalyptischen Vision wegen, im tiefen Mittelalter gelandet? Nein, politischen Drive hat die Endzeiterwartung eigentlich erst in der Neuzeit und zumal im Protestantismus gewonnen. Luther wäre deshalb ein natürlicher Kandidat für die „Time“-Liste gewesen, hätte es sie damals schon gegeben. Nicht nur für ihn persönlich stand das Endschicksal, das Eschaton (welches die einen zum Himmel, die anderen zur Hölle fahren lässt) unmittelbar „vor der Tür“. Auch die frühreformatorische Bewegung insgesamt hatte sich dem apokalyptischen Fristenbewusstsein verschrieben und im Blick auf den nahe geglaubten Jüngsten Tag ihren heilsgeschichtlichen Schwung gewonnen.

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