Philosophische Hirnlosigkeit


Für Markus Gabriel lässt sich der Mensch nicht auf die Vorgänge im Gehirn reduzieren. (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)
Der Philosoph Markus Gabriel legt sich in seinem neuen Buch mit den Neurowissenschaften an. Er verteidigt die Freiheit und die Würde des Menschen vor dem Zugriff des wissenschaftlich-technischen Weltbildes.

Von Thorsten Jantschek|Deutschlandfunk Kultur

Nicht nur blühende Landschaften wurden 1990 prophezeit – Landschaften, die so blühend dann doch nicht ausgefallen sind –, sondern es sollten auch blühende Forschungslandschaften entstehen, als der amerikanische Präsident George H. W. Bush die „Dekade des Gehirns“ ausrief. Und all die hochfliegenden Forschungsträume der damals gerade erst entstandenen Neurowissenschaften wollten wahr oder zumindest eingelöst werden. Die Erforschung des Gehirns sollte das Denken und Fühlen, das Wollen und Handeln erklären, es sollte das Menschenbild revolutionieren und die alten, wolkigen Fragen der Philosophie nach Bewusstsein und dem Ich in einem Tröpfchen Hirnforschung kondensieren lassen.

Jetzt, 25 Jahre später, reibt man sich verdutzt die Augen, denn die Hirnforscher forschen am Hirn – was sollen sie auch tun –, aber die großen Fragen sind längst noch nicht gelöst. Und das, obwohl erhebliche Teile der so genannten „Philosophie des Geistes“ einem Forschungsprogramm, oder vielmehr einer Forschungsideologie erlegen sind, die der Bonner Philosoph Markus Gabriel „Neurozentrismus“ nennt. Neurozentrismus wird für Gabriel als Leitdisziplin menschlicher Selbsterforschung von der Grundidee angetrieben, dass „ein geistiges Lebewesen zu sein“ in nichts anderem bestehe, als dem „Vorhandensein eines geeigneten Gehirns“.

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