Philosophie: „Massive Probleme bei der Vermittlung“


Die Athener Philosophen-Schule: Das Fresko des Malers Raffael entstand von 1510/11 in den Stanzen des Vatikans. Hinten in der Mitte vor dem hellen Durchgang Platon (l.) und Aristoteles. Foto: imago/Leemage
Thomas Grundmann, neuer Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie, spricht im FR-Interview über Verständigungsschwierigkeiten und verzerrte Wahrnehmungen zwischen Philosophie und Öffentlichkeit.

Von Michael Hesse|Frankfurter Rundschau

Herr Grundmann, die analytische Philosophie hatte in Deutschland lange einen schweren Stand, woran lag das?

Ganz richtig. Das ist zunächst verblüffend, weil die Ursprünge der analytischen Philosophie ja im deutschsprachigen Raum liegen. Gottlob Frege, Ludwig Wittgenstein und Rudolf Carnap hatten den allergrößten Einfluss auf die spätere Entwicklung der analytischen Philosophie. Wichtige analytische Philosophen wie zum Beispiel Carnap und Hans Reichenbach sind jedoch während der Nazi-Herrschaft in die USA emigriert. Im Nachkriegsdeutschland war die hermeneutische Philosophie Gadamers und Heideggers dann über lange Zeit vorherrschend. Die frühe analytische Philosophie hatte sich zudem fast ausschließlich mit der Analyse der Sprache beschäftigt und damit wichtige Kernfragen der traditionellen Philosophie ausgeklammert. Das konnte natürlich nicht alle philosophischen Bedürfnisse zufriedenstellen.

Haben sich die deutschen Professoren zu lange nur mit der Philosophie von Platon bis Heidegger befasst?

Die Geschichte der Philosophie ist sicher ein wichtiger Teil der Philosophie. Vor allem dann, wenn sie in den Klassikern Argumente freilegt, die auch heute noch relevant sind. Aber es ist richtig, dass im Nachkriegsdeutschland an vielen Orten die Philosophiegeschichte lange mit der Philosophie einfach gleichgesetzt wurde. Ausnahmen waren Göttingen, Heidelberg und München. Die direkte Beschäftigung mit philosophischen Sachfragen geriet damit völlig aus dem Blick. Als ich vor gut zehn Jahren in Köln Professor wurde, rieb sich mancher die Augen, als ich sagte, dass ich weder über Aristoteles noch Kant forschen würde, sondern über Fragen wie „Was ist Wissen?“ oder „Kann man ohne Sinneserfahrung Wissen erwerben?“

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