So antisemitisch ist Deutschland


Foto: Imago/Future Image
Fragt ein Jude auf einem deutschen Bahnsteig einen anderen Reisenden: „Verzeihen Sie, sind Sie Antisemit?“ Der antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Selbstverständlich nicht!“ Der Jude geht zum nächsten Wartenden und wiederholt seine Frage, worauf er die Antwort „Ganz im Gegenteil, ich bin ein aufrichtiger Freund des Judentums“ bekommt. Der Jude zieht weiter zur nächsten Person, um seine Frage zu stellen. Der Gefragte mustert den Juden von Kopf bis Fuß, um dann ruhig, aber bestimmt zu sagen: „Durchaus.“ Sagt der Jude: „Ah, endlich! Könnten Sie auf meine Tasche aufpassen? Sie sind die einzige ehrliche Person im ganzen Bahnhof!“

Von Alexander Nabert|VICE.com


Der Witz ist nicht der größte Schenkelklopfer. Für diese recht einfache und bittere Pointe ist er außerdem ein bisschen zu lang. Aber er will auf etwas aufmerksam machen: Antisemitismus ist noch immer in Deutschland präsent, in beträchtlichem Ausmaß. Klar, niemand will sich so richtig dazu bekennen, Antisemit zu sein, das ist irgendwann vor rund 70 Jahren abrupt nicht mehr so sexy gewesen wie davor. Der Witz—und vielmehr der damit verbundene Hinweis—ist deshalb so wichtig, weil der Antisemitismus in Deutschland immer wieder für tot erklärt wird und in Vergessenheit gerät—bis wieder eine intensivere Phase kommt. Wenn sich mehrere antisemitische Ereignisse häufen, gibt man sich gerne erschreckt. Seit fast drei Jahrzehnten spricht man dann in unregelmäßigen Abständen vom „Neuen Antisemitismus“, der so neu gar nicht ist, sondern, wenn man so will: Traditionspflege, im denkbar negativsten Sinne. Doch wenn Antisemitismus wieder weniger wahrnehmbar ist, wird oft wieder vergessen, wie antisemitisch die Gesellschaft noch heute ist.

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