Deutsche haben kein Recht, den Nationalismus zu schmähen


Foto: picture alliance / dpa Polnische Fußballfans: Es ist mit den Nationalismen wie mit den Cholesterinen; es gibt gute, und es gibt schädliche
Die Deutschen haben mit patriotischem Furor schlechte Erfahrungen gemacht. Das gibt ihnen aber nicht das Recht, auf den berechtigten Stolz anderer Länder mit Verachtung herunterzublicken.

Von Dirk Schümer|DIE WELT

Ist Nationalismus eine schlimme Sache? Wenn schon Deutschlands Kanzlerin vor seinen Auswüchsen warnt, ist es mit der Heimatliebe weit gekommen. Und hat Angela Merkel nicht recht? Die Bilanz der Nationalstaaten Europas ist fürchterlich: Über Jahrhunderte bescherten streitende Reiche dem Kontinent endlose Kriege und dem Planeten Kolonialismus.

Wenn nun vorzugsweise im benachbarten Ausland der stolze oder sogar rabiate Nationalismus als Leitkultur zurückkehrt, dann versehen wir diese Wallungen gerne mit Adjektiven wie „dumpf“, „engstirnig“ oder „gestrig“. Doch das ist ein Missverständnis. Denn um den Nationalismus kommen aufgeklärte Europäer nicht herum.

Das liegt an der Macht der Gewohnheit. Nationalstaaten wie Großbritannien, Frankreich oder Dänemark hatten mit Königshäusern, der Durchsetzung einer Sprache, allerlei Riten, Liedern und Mythen schlicht ein knappes Jahrtausend Zeit, mit einem positiven Image die Hirne der Untertanen zu entern. Wer wollte inmitten dieser stolzen Selbstfeier als vaterlandsloser Geselle gelten?

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