Slavoj Žižek „Der neue Klassenkampf“: Der Philosoph als Boxer


26. Dezember 2015: Das syrische Flüchtlingscamp Fayda im Libanon. Foto: REUTERS
Wut auf die Gegenwart, Hoffnung für die Zukunft: „Der neue Klassenkampf“ ist der neueste Versuch von Slavoj Žižek, Geschichte, Gegenwart und Zukunft nicht nur zu erklären, sondern auch dazu anzuleiten, das Richtige zu tun.

Von Arno Widmann|Frankfurter Rundschau

Der 1949 im damals noch jugoslawischen Ljubljana geborene Slavoj Žižek ist einer der bekanntesten Philosophen der Welt. Er ist ein lacanistischer Klassenkämpfer, ein marxistischer Analytiker der Populärkultur von King Kong bis Pussy Riot, ein Hegel-Exeget und Heidegger-Interpret. Er denkt schneller, als er spricht, und er spricht schneller als Dieter Thomas Heck. Die Fragen eines Interviewers beantwortet er mit Überfällen von hundert Zitatenheckenschützen von Aristoteles bis zu den Simsons.

Damit verglichen schreibt er mit ermüdender Langsamkeit. 2015 sind auf Deutsch nur folgende Bücher erschienen: 13. März: „Blasphemische Gedanken – Islam und Moderne“ (Ullstein, 64 Seiten, 4,99 Euro), 1. Juli: „Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus“ (Turia +Kant, 479 Seiten, 29 Euro), 1. Oktober: „God in Pain – Inversionen der Apokalypse“ (Laika, 256 Seiten, 24 Euro), 22. Oktober: „Ärger im Paradies – Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus“ (S. Fischer, 368 Seiten, 24,99 Euro), 21. Dezember: „Der neue Klassenkampf – die wahren Gründe für Flucht und Terror“ (Ullstein, 96 Seiten, 8 Euro).

Am 8. Dezember 2014 hat Žižek als letztes Buch des Jahres bereits „Weniger als nichts: Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus“ (Suhrkamp, 1408 Seiten, 49,95 Seiten) vorgelegt.

Lützows Wilde Jagd ist ein Spaziergang dagegen

Angesichts dieser Masse an bedruckten Seiten und angesichts der zu erwartenden Überfülle an Einfällen, Assoziationen, Ein- und Ansichten, bleibt mir nur die massive Ungerechtigkeit der Beschränkung auf das kleine Pamphlet „Der neue Klassenkampf – Die wahren Gründe für Flucht und Terror“. Verglichen mit dem Tempo, mit dem Slavoj Žižek durch Weltgeschichte und Weltpolitik hetzt, ist Lützows Wilde Jagd eine Proustsche Schlenderei durch den Bois de Boulogne. Natürlich geht dabei manches verloren. Womöglich auch dem Autor selbst.

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