Als die Kirche aufhörte, die Juden zu verteufeln


Ursprung des christlichen Antijudaismus: Jesus am Kreuz (imago/Kyodo News)
Mit der Erklärung „Nostra Aetate“ verabschiedete sich die katholische Kirche 1965 offiziell vom Antijudaismus. Der Historiker John Connelly beschreibt, wie um den Text gerungen wurde. Und wie die Kirche lange zwischen Menschenliebe, Rassenvorstellungen und Antijudaismus schwankte.

Besprochen von Anne Françoise Weber|Deutschlandradio Kultur

Man hätte dem Buch eine präzisere Übersetzung seines Untertitels gewünscht. Bei der 2012 erschienenen amerikanischen Originalausgabe lautet er: „Die Revolution in der katholischen Lehre über die Juden, 1933 bis 1965.“ Und genau um diese relativ kurze Zeitspanne geht es John Connelly nämlich – auch wenn er den historischen Horizont des jahrhundertelangen Nebeneinanders von Christen und Juden nicht gänzlich aus den Augen verliert. Er will zeigen, wie sich in rund 30 Jahren die katholische Sicht auf die Juden fundamental wandelte – und welche seltsamen Wege das nahm. Denn Ausgangsposition war bei praktisch allen Protagonisten ein tiefliegender christlicher Antijudaismus:

Als „Gottesmörder“ verflucht

„Selbst die entschlossensten Gegner des Nationalsozialismus unter den Christen – Dietrich Bonhoeffer eingeschlossen – teilten die grundlegende Ansicht mit Antisemiten, dass die Juden aufgrund der Ermordung Jesu Christi verflucht seien.“

Diese Vorstellung, so Connelly, verhinderte lange eine klare Stellungnahme der katholischen Kirche gegen die nationalsozialistische Judenvernichtung. Und sie verschwand erst langsam aus der Vorstellungswelt nur weniger Katholiken, die sich über dieses Schweigen empörten und schließlich die theologische Vorarbeit für die Erklärung Nostra Aetate leisteten. Die meisten von ihnen – genannt seien hier nur der Priester Johannes Oesterreicher, der Philosoph Dietrich von Hildebrand, die Pazifistin Gertrud Luckner und der Theologe Karl Thieme – waren deutschsprachige Konvertiten vom Judentum oder vom Protestantismus.

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